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 Philosophie

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Dr. Margit Ruffing: Laudatio auf die Kant-Förder-Preis-Trägerin 2016 Jun.-Prof. Dr.med. Dr. phil. Sabine Salloch Lieber Herr Lange, sehr geehrte Damen und…
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Dr. Margit Ruffing: Laudatio auf die Kant-Förder-Preis-Trägerin 2016 Jun.-Prof. Dr.med. Dr. phil. Sabine Salloch Lieber Herr Lange, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen – liebe Preisträgerinnen! Die Freiburger Kant-Stiftung vergibt nun, dankenswerterweise, zum ersten Mal Kant-Förderpreise: mit ihnen werden keine KantforscherInnen für ihr Lebenswerk geehrt, sondern AutorInnen herausragender wissenschaftlicher Abschlussarbeiten. Dennoch möchte ich im Falle der Dissertation von Dr. Sabine Salloch nicht unerwähnt lassen, dass es sich hier nicht um die erste preiswürdige Leistung der jungen Kollegin handelt, sondern mit „Prinzip, Erfahrung, Reflexion. Urteilskraft in der Angewandten Ethik“ die konsequente Fortsetzung eines vielversprechenden interdisziplinären Forschungsvorhabens – ich benenne es einmal kurz als Grundlegung der Medizinethik – erfolgt ist, und das ist zugleich als Ausdruck ihres persönlichen Anliegens zu werten: Nach der Promotion in Humanmedizin an der Philipps-Universität in Marburg 2006 und dem Magister Artium in der Philosophie ebenda 2007 war Frau Salloch zunächst als Assistenzärztin tätig, danach aber auch als wiss. Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Moraltheologie in Osnabrück, bevor sie sich 2010-2015 an der Ruhr-Univ. in Bochum als wiss. Mitarbeiterin am Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin auf „ihr“ Thema spezialisierte. Bereits 2011 erhielt sie den Nachwuchspreis der Akademie für Ethik in der Medizin, 2013 den Förderpreis der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin; im letzten Jahr wurde sie durch das „Junge Kolleg“ der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste gefördert – um nur einige der Auszeichnungen zu nennen, die belegen, dass von der Nachwuchswissenschaftlerin hervorragende Arbeit geleistet wird. Mit „Prinzip, Erfahrung, Reflexion. Urteilskraft in der Angewandten Ethik“ hat Sabine Salloch eine Dissertation vorgelegt, die geeignet ist, als Grundstein zu fungieren für die erfolgreiche und inhaltlich-fachlich zielführende Weiterentwicklung einer philosophischen Teildisziplin, der Angewandten Ethik, die per se über den theoretischen Charakter der Philosophie in andere Wissenschaften, ja in die Lebenspraxis selbst hinausweist. Die Medizinerin und Philosophin Salloch hat dieses Thema ganz bewusst gewählt: Die Medizin kommt nicht ohne Ethik aus, die anwendbar ist; Angewandte Ethik braucht, um die eigenen Ansprüche erfüllen zu können, in und wegen ihrer Sonderstellung zwischen Theorie und Praxis eine theoretische Grundlegung ihrer praktischen Urteile. Diese erweist sich als ein reflektiertes und reflektierendes Verfahren der praktisch-moralischen Urteilskraft. Jede angewandte Ethik, auch eine „gute“ Medizinethik, ist angewiesen auf ein gelingendes Verfahren praktischen Urteilens. Und modellhaft wird dieses dann am Beispiel der Medizinethik, aber übertragbar auf andere Bereiche, entwickelt. Sabine Salloch wählt in der Einleitung zu ihrer Dissertation selbst den Begriff Anliegen, und es sind sogar zwei, die sie mit ihrer Arbeit verfolgt. Das erste ist die Relevanz der Thematik „Angewandte 1 Ethik und Urteilskraft“ für den Umgang mit tatsächlichen, konkreten moralischen Problemen: trotz grundsätzlichem Konsens über grundlegende Konzepte besteht in der moralischen Praxis Dissens in der Bewertung konkreter Fragen. Um im praktischen Umgang mit divergierender oder gar kontroverser Beurteilung umstrittener Sachfragen größere Klarheit und Einigkeit im Handeln zu erwirken, sind also die Urteilsstrukturen und intersubjektiven Geltungskriterien des moralischen Urteils zu klären. Das zweite Anliegen trifft auf ein wahres Desiderat innerhalb der Philosophie: die Frage der Urteilskraft in der ethischen Forschung, die in „bisher getrennt verlaufende[n] wissenschaftliche[n] Diskussionszusammenhänge[n]“ stattfindet. Diese will Fr. Salloch zusammenführen, indem sie Ansätze aus der Metaethik, der normativen Ethik und der Angewandten Ethik analysiert, immer zum Zweck eines umfassenden und tieferen Verständnisses der Struktur des moralischen Urteils und des Verfahrens der praktischen Urteilskraft. – Durch einen Prolog und in der Einleitung gibt Dr. Salloch uns Einblick in ihre Forschungsmotivation, in die auch die eigene Lebenserfahrung als Medizinerin und Mutter einfließt, die wiederum von der jahrelangen philosophischen Auseinandersetzung mit der Urteilskraftthematik beeinflusst und geprägt ist. Es ist überaus erfreulich festzustellen, dass das persönliche Anliegen mit einer überzeugenden Systematik, Analysearbeit vom Feinsten, ausgezeichneter Kenntnis und optimaler Auswertung historischer und zeitgenössischer Quellen sowie bemerkenswerter philosophischer Intuition eine fruchtbare Verbindung eingehen können, die zu hervorragenden Ergebnissen führt. Ich kann Ihnen die Arbeit an dieser Stelle nur in groben Zügen vorstellen, möchte sie Ihnen aber nachdrücklich zur Lektüre empfehlen. Die Begriffe „Prinzip“ und „Erfahrung“ im Titel der Arbeit stehen dafür, die spezifische Situation der Angewandten Ethik, geprägt vom unüberbrückbar scheinenden „Hiatus zwischen philosophisch- ethischer Theorie und den Herausforderungen der Lebenswelt“ (S. 208), darzustellen – und grundlegend zu klären, stellvertretend dafür der Begriff „Reflexion“. Analyse des Urteils in der Angewandten Ethik, Klärung ihres intrinsischen Verhältnisses von Norm und Empirie und das Urteil im Spiegel ethischer Theorien sind die Schwerpunktthemen der Hauptabschnitte des ersten Teils der Arbeit, kurz und prägnant überschrieben mit „Das Urteil“. Im Ausgang vom praktischen Syllogismus wird das moralische Urteil in der Angewandten Ethik als „gemischtes Urteil“ identifiziert, in dem empirisch-deskriptive und normative Prämissen zu einer normativen Schlussfolgerung verbunden werden können müssen, wenn der Anwendbarkeit des Urteils, d.h. der Aufgabe der Handlungsorientierung in moralisch relevanten Entscheidungssituationen, genüge getan werden soll. Zu berücksichtigen sind dabei die besonderen Herausforderungen eines moralisch-weltanschaulichen Pluralismus wie auch die Pluralität in der moralphilosophischen Theoriebildung. Gemeinsam ist den ethischen Theorien aber die Einsicht, dass Integration normativer und deskriptiver Prämissen das spezifische Vermögen des Urteilens leistet, die Urteilskraft, die – so Fr. Sallochs Ergebnis – im 2 gegebenen Kontext der Angewandten Ethik nicht subsumierend, sondern reflektierend verfahren muss, insofern die heterogenen Elemente der allgemeinen Norm und des besonderen Falles nicht hierarchisiert werden dürfen. Zur Vertiefung des Verständnisses angewandt-ethischen Urteilens werden daher Theorien ausgewählt und untersucht, die unterschiedliche Lösungen des Problems der Beurteilung von Einzelfällen nach moralischen Regeln oder Prinzipien anbieten. Aus den Analysen und Bewertungen der diskutierten Forschungsansätze ergibt sich die Notwendigkeit, das Verfahren einer Urteilskraft in den Blick zu nehmen, die zwischen dem Normativ-Allgemeinen und dem Empirisch-Besonderen vermittelt und beides im Gleichgewicht hält. Es geht um den Umgang mit epistemischer Überbestimmung konkreter moralischer Probleme, das „Problem angemessener Situationsbeschreibung“ und dessen Verhältnis zur normativen Bewertung. In kritischer Auseinandersetzung mit O’Neill, Anscombe, McDowell und Vieth/Quante entwickelt Salloch so etwas wie ein Programm der Urteilskraft (das dem bereits angekündigten Modell vorausgeht): Was genau kann und muss sie im Spannungsfeld Angewandter Ethik leisten? Und nun endlich (Sie haben sich möglicherweise schon gefragt, wo der Namensgeber unseres Förderpreises bleibt) kommt im zweiten Teil, betitelt „Die Urteilskraft“, auch explizit Kant ins Spiel: Sabine Salloch bezeichnet ihn als „wichtigsten Ideengeber“ für das von ihr vorgestellte, eigene Modell angewandt-ethischen Urteilens. Kants Konzeption des Reflexionsurteils, zumal das sich vom theoretischen Urteil emanzipierende (so Salloch) moralisch-praktische, eignet sich zur Grundlegung eines Verfahrens moralischer Urteilskraft; dass Kant keine spezielle Theorie derselben entwickelt hat, macht eine sehr genaue Kenntnis seiner moralphilosophischen Schriften sowie aller Kritiken erforderlich, ermöglicht aber auch eine systematische Weiterentwicklung einer Konzeption praktischer Urteilskraft aus den versprengten einschlägigen Stellen. „Kants Urteilstheorie dient […] als Quelle von Konzepten und Ideen, die die Struktur des praktischen Urteils im Umgang mit konkreten moralischen Herausforderungen verstehen helfen.“ (S. 241) Für die Frage der Anwendbarkeit ethischer Normen – des moralischen Gesetzes – Kants Urteilstheorie fruchtbar zu machen, ist auch innerhalb der Kantforschung ein viel versprechender Ansatz zur Bestimmung des Verfahrens der Urteilskraft im Praktischen auf einer vom theoretischen Schematismus verschiedenen Grundlage, und zum besseren Verständnis der Gemeinsamkeiten von moralisch-praktischem und ästhetisch-reflektierendem Urteil, auf deren Abgrenzung voneinander Kant selbst größten Wert legt. Auch eine Analyse der Bedeutung von Beispielen für die Ausbildung moralischer Urteilskraft fehlt nicht. Was aber in jedem einzelnen Abschnitt der Arbeit immer wieder von Neuem beeindruckt, ist die unaufgeregte, sorgfältige und dennoch selbst- und zielbewusste Verbindung der analysierten und interpretierten Schriften mit der Frage nach dem geeigneten Verfahren der Urteilskraft in Hinblick auf das spezifische Urteilserfordernis in der Angewandten Ethik. Das Weiterdenken der kantischen „Versatzstücke“ erfolgt mithilfe bedeutender Ansätze zur praktischen Urteilskraft innerhalb der Kantforschung, wie 3 z.B. dem von Onora O’Neill – die sich auch explizit zur AE positioniert – und Hanna Arendt. Der letzte Abschnitt stellt dann das „zugleich prinzipienorientierte und fallbasierte“ Modell (S. 349) einer mehrstufig prozessual verfahrenden Urteilskraft vor, die eine moralische Bewertung von konkreten Einzelfällen „erfahrungsbezogen, flexibel und intersubjektiv nachvollziehbar“ (ibid.) leisten kann und schließt mit einem „Praxistest“, einem Fallbeispiel aus dem Bereich der Medizin. In der Darstellung und Anwendung des Modells werden vor allem zwei Aspekte deutlich: Der Einzelfall ist nichts Gegebenes, sondern wird selbst aus der Vielzahl und Vielfältigkeit der empirischen Fakten von der (deren Relevanz beurteilende) Urteilskraft erst konstruiert, bevor er „Gegenstand der normativen Analyse wird“ (S. 345). Und der Beurteilungsprozess vollzieht sich in der (intersubjektiv getragenen) Dynamik von Subsumption und Reflexion, der Erweiterung der Perspektive vom Fall zur Regel, die wiederum mittels des Prinzips geprüft wird und ggf. korrigiert werden kann. Die Lektüre der Arbeit ist ein wahres Vergnügen! Von der ersten Seite an beeindruckt die Autorin mit einer klaren, aussagekräftigen Sprache, auf höchstem Abstraktionsniveau, aber immer wieder durch Bezüge zur Praxis, der des Lebens wie der der Angewandten Ethik, die philosophische Reflexion rückbindend an das Anliegen, das zugleich selbst ein moralisches und ein persönliches ist, und ganz im Geiste Kants realisiert wird. Es geht, kurz gesagt, darum, aus der Überzeugung heraus, dass Angewandte Ethik möglich und notwendig ist, mit Kant und über ihn hinaus deren Möglichkeitsbedingungen zu untersuchen und aufzuzeigen. Es geht aber auch darum, nicht nur die Lücke in der theoretischen Grundlegung der Angewandten Ethik zu füllen, sondern damit zugleich den anwendungsbezogenen Ethiken ein Modell an die Hand zu geben, das zur Schließung der „Lücke“ zwischen normativen Theorien und der Herausforderung praktischer Anwendung in den unterschiedlichsten Kontexten beitragen kann. Ein kleiner Schritt auf dem Weg des Fortschritts der Menschheit, der (leider) nicht alleine vom Factum einer gattungshaften Vernunft gewährleistet werden kann. Dr. Sallochs transdisziplinäre philosophische Dissertation ist eine mutige und ermutigende Arbeit in der heutigen hochspezialisierten akademischen Landschaft des Faches Philosophie. Dass diese Arbeit in idealer Weise dem Motto der Freiburger Kant-Stiftung „Kant entdecken und weiterdenken“ entspricht, muss eigentlich gar nicht mehr erwähnt werden. 4
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