Zwischenland. Zur Grenze zwischen Noricum und Pannonien abseits des Wienerwaldes

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Zwischenland. Zur Grenze zwischen Noricum und Pannonien abseits des Wienerwaldes
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   Akten des 14. Österreichischen Archäologentagesam Institut für Archäologie der Universität Graz  vom 19. bis 21. April 2012 Herausgegeben von Elisabeth Trinkl Sonderdruck   W  ien 2014  Zwischenland  –  Zur Grenze zwischen Noricumund Pannonien abseits des Wienerwaldes Susanne Lamm Zu welcher Provinz gehört der Fundort, den ich bearbeite?Das sollte in den meisten Fällen eine eindeutige Antwort ergeben, ist aber manchmal strit-tig. Ausgehend von einem konkreten Beispiel (die römische Siedlungsstelle von St. Martin/Raab 1 , Bezirk Jennersdorf ) sollen folgende Fragen in diesem Artikel behandelt werden: Was wis-sen wir aus antiken Quellen über die geographischen Aspekte der Grenzziehung? Wie beliebig können Grenzlinien vergangener Epochen verschoben werden, um in gegenwärtige Forschungsbe-lange zu passen? Oder spielen hier andere Komponenten (wie aktuelle geographisch-politische Be-dingungen) hinein?Zu diesem Zweck möchte ich einerseits die antiken Quellen zu geographischen Gegebenhei-ten untersuchen, andererseits Kartenmaterial aus verschiedenen Jahrhunderten miteinander ver-gleichen.  Antike Quellen Geographika, Strabon (7 v. Chr.) 2 Strabon behandelt das norische Gebiet nur im Zusammenhang mit seiner Beschreibung der Al-pen (Geogr. 4, 6, 1 – 12 p. 202C – 209C). Das Gebiet östlich (das spätere Pannonien) behandelter nicht explizit, er erwähnt den Fluss Saos (Save), über den Waren zu den Pannoniern gelangten(4, 6, 10 p. 207C). Die Noriker bewohnen gemeinsam mit anderen Stämmen die  „  jenseitigen Al-penhänge “ . Um Aquileia leben Teile der Karner und Noriker, wobei zu letzteren auch die Tauris-ker zu rechnen seien (4, 6, 9 p. 207C). Die via Polybios überlieferte Episode mit dem Goldfundim Gebiet dieses Stammes  „ auf der Höhe von Aquileia  “  (4, 6, 12 p. 208C) dient Strabon dazu,um auf die zu seiner Zeit gängige Praxis der römischen Verwaltung der Goldförderstätten hinzu-weisen.Eine anhand der Angaben bei Strabon erstellte Karte 3 des Alpenraumes zeigt im östlichenBereich große Ungenauigkeiten: die östlichste erwähnte Stadt ist Nauportus (Vrhnika/SLO), dieNoriker werden zwischen Donau und Save angesiedelt. Naturalis historia, C. Plinius Secundus Maior (um 77 n. Chr.) 4 Plinius schreibt in seinem 3. Buch der   „ Naturalis historia  “  nur wenig über die Geographie Nori-cums (Nat. hist. 3, 146 bzw. 3, 27):  A tergo Carnorum et Iapudum, qua se fert magnus Hister, Raetis iunguntur Norici. oppida eo- rum Virunum, Celeia, Teurnia, Aguntum, Iuvavum, omnia Claudia, Flavium Solvense. Noricis iun-  guntur lacus Pelso, deserta Boiorum; iam tamen colonia Divi Claudi Savaria et oppido Scarabantia Iulia habitantur. 1  Lamm 2005; Lamm 2006 in Anlehnung an Krüger 1974, 29: Zuweisung an Pannonia Superior, Territoriumvon Savaria. Anders: Sedlmayer   –  Tiefengraber 2006, Abb.1: Zuweisung an Noricum, Territorium von Flavia Solva. 2  <http://penelope.uchicago.edu/Thayer/E/Roman/Texts/Strabo/4F*.html> [Zugri ff   5.4.2012]. 3  Radt 2002, Karte 4. 4  <http://penelope.uchicago.edu/Thayer/L/Roman/Texts/Pliny_the_Elder/3*.html> [Zugri ff   2.4.2012]. 209  Hieran schließt sich der   „ Eicheln tragende “  Teil Pannoniens 5 an (3, 147). Anschließendschreibt Plinius, dass Pannonien dort beginnt, wo die Alpen  –  Nordsüd und mitten durch Illyri-cum verlaufend  –  niedriger werden und  „ rechts und links in einem sanften Abhang auslaufen “ 6 ;der Teil nördlich dieser Linie ist Pannonien, das im Norden durch den Danuvius (Donau) be-grenzt wird und wo die Kolonien Emona und Siscia liegen. Draus (Drau) und Saus (Save), beideals bekannt und schi ff  bar bezeichnet, münden  –  aus den Norischen bzw. den Karnischen Alpenkommend  –  in den Danuvius.Plinius ’  Angaben zu Noricum beschränken sich auf die Namen der zu seiner Zeit bekann-ten Städte claudischer Gründung   Virunum, Celeia, Teurnia, Aguntum, Iuvavum  bzw. das unter Vespasian zum Municipium erhobene  Solva  . Die Aufzählung erfolgt dabei weder in alphabeti-scher noch in geographischer Reihenfolge, was im Zusammenhang mit den weiter unten (alphabe-tisch) angeführten Stammesnamen verwundert. Im Abschnitt über Pannonien  󿬁 ndet sich alsweitere Angabe, dass die Drau in den Norischen Alpen entspringt. An das norische Gebiet schlie-ßen sich nach Osten hin der   Lacus Pelso   und das ehemalige boische Siedlungsgebiet  (deserta Boio- rum)  an, wo nun sowohl  Savaria   als auch  Scarbantia   liegen, d.h. die hier angeführtenÖrtlichkeiten liegen bereits außerhalb Noricums. Wie aber trennt Plinius Pannonien großräumig ab: Indem er die Alpen als Nordsüd-verlau-fende Grenze betrachtet, und die nach Westen gewandten Ausläufer zu Dalmatien, die nach Os-ten gewandten Ausläufer zu Pannonien rechnet, d.h. Pannonien beginnt nicht im völligenFlachland, sondern schon im Hügelland. Zu dieser Höhenangabe passt auch die Beschreibung   „  glandifera  “  ,  da heutige Eichenarten wie Stieleiche 7 (genannt bei Pl. nat. hist. 16, 8 und 16, 30),Traubeneiche 8 und Flaumeiche 9 in Regionen oberhalb von 1000 m Seehöhe noch wachsen. Geographike Hyphegesis, Claudius Ptolemaios (150 n. Chr.) 10 Die Angaben zur Ostgrenze Noricums (2, 13, 1), bzw. Westgrenze Pannonia Superiors (2, 14, 1)di ff  erieren etwas, obwohl es sich um ein und dieselbe Grenze handelt: Die Ostgrenze Noricumsbildet das Cetius-Gebirge ( K έτιον  ὄ ρος ;  Cetius Mons  ) (angegebene Lage: 37° 30´/46° 50´ bis 37°30´/45° 30´), die Westgrenze von Pannonia Superior bilden dasselbe Gebirge sowie im Süden Tei-le der Karawanken ( K αρουάγκα ); bei letzteren könnte es sich auch um Teile der Julischen Alpenbzw. den Triglav  11 handeln. Unter 2, 15, 2 (Beschreibung Pannonia Inferior) tauchen weitere Angaben zum Verlauf des Gebirges auf: Ein Fluss mit zwei Armen (Savarias im Norden, Dravusim Süden) kommt aus der Richtung des Gebirges, ein weiterer Fluss (Savus/Save) entspringt indemselben. Bei den Angaben zur 5. Karte der Region Europa  12 󿬁 nden sich keine weiteren Anga-ben zum Cetius-Gebirge.Die von Werner Lugs durchgeführten Berechnungen zur Lage der erwähnten norischenOrte 13 zeigen deutlich, dass der   Mons Cetius   von der Höhe bei Vliobona/Vindobona bis auf dieHöhe von Celeia reicht, was die Gleichsetzung des Gebirges nur mit dem Wienerwald  ad absur- dum  führt (siehe unten). Es handelt sich dabei um einen langgestreckten Gebirgszug, der zwar im Wienerwald beginnt, aber dann über Fischbacher Alpe, Gleinalpe, Stubalpe und Koralpe biszum Pohorje-Gebirge im heutigen Slowenien reicht 14 .In der neuesten Ausgabe von 2006 15 verläuft das Cetius-Gebirge nordsüdlich (wobei je-weils ein Berg Anfang und Ende der Kette markieren) und knickt gegen Ende nach Westen um 5  Zur Waldgegend siehe auch Graf 1936, 13. 6   Winkler 1988, 107. 7  <http://de.wikipedia.org/wiki/Stieleiche> [Zugri ff  10.4.2012]. 8  <http://de.wikipedia.org/wiki/Traubeneiche> [Zu-gri ff   10.4.2012]. 9  <http://de.wikipedia.org/wiki/Flaumeiche> [Zu-gri ff   10.4.2012]. 10  <http://www.polona.pl/dlibra/doccontent2?id=61> [Zugri ff   21.3.2012]; Stückelberger   –  Graßho ff  2006, 239 – 245. 11  Siehe auch Lugs 2005, 15. 12  Stückelberger   –  Graßho ff   2006, 790 – 793. 13  Lugs 2005, 10 (untere Abb.). 14  Siehe auch Lugs 2005, 11. 15  Stückelberger   –  Graßho ff   2006. 210 Zwischenland  –  Zur Grenze zwischen Noricum und Pannonien abseits des Wienerwaldes  (Karawanken), wobei Celeia innerhalb des gebirgigen Gebietes liegt. Auffallend ist, dass alle Flüs-se, die zu Pannonia Superior gerechnet werden (Savarias, Dravus, Savus und Arabon), erst im  Mons Cetius   zu entspringen scheinen.Ptolemaios nennt also als große Grenze zwischen Noricum und Pannonien einen langge-streckten Gebirgszug, den  Mons Cetius,  der von der Donau in ungefährer Nordsüd-Richtung bisnach Celeia reicht. Die Lage der von ihm erwähnten Flüsse Savarias 16 , Dravus und Savus in Be-zug zum Gebirge ist am ehesten dadurch zu erklären, dass diese Flüsse das Gebirge durchqueren,weniger, dass sie alle dort entspringen. Kartenwerk mit antikem Hintergrund Tabula Peutingeriana  17 Die auf ein spätrömisches Original zurückgehende und in einer Abschrift des 12. Jh.s erhalteneKarte zeigt das römische Straßennetz von den Britischen Inseln bis nach Indien und Zentralasien.Dabei spielen Provinzgrenzen (leider) keine Rolle.Orte in den Provinzen Noricum und Pannonia Superior   󿬁 nden sich auf den Segmenten IV,V und VI, wobei der Übergang auf Segment V zu  󿬁 nden ist. Als geographische Anhaltspunkte 󿬁 nden sich ein großer Fluss (Donau) am oberen Rand der Karte, ein Gebirgszug zwischen Vindo-bona und Carnunto, in welchem ein weiterer Fluss entspringt, ein kleinerer Gebirgszug zwischenCarnunto und Brigantio/Brigetio sowie der unterhalb  󿬂 ießende Savus, der im Gebirge rechts von Aquileia entspringt. Der im Gebirgszug entspringende Fluss auf Segment V muss die Drau sein,auch wenn die zu erwartende Mündung in die Donau bei Mursa nicht angegeben ist, sie viel-mehr in die Save mündet und gemeinsam dann ins Mittelmeer   󿬂 ießt.Die Beschriftung NORICO markiert nur einen kleinen Bereich, beginnend oberhalb vonEmona über Viruno/Virunum und Celeia bis rechts von Petauione/Poetovio. Eingebettet ist dieBeschriftung in den Bereich zwischen Save und Drau. Auch der Schriftzug PANNONIA SVPE-RIOR ist zwischen diesen Flüssen eingequetscht. Auffällig ist der Abschnitt der Straße, der bei Advicesimum nicht über die Drau hinweg führt, sondern vor dem Fluss abbricht. Eine Durchsicht der gesamten  Tabula Peutingeriana   hatergeben, dass es  –  auf den erhaltenen Teilen  –  insgesamt 62 18 solcher Straßenabbrüche gibt, diemeisten davon  󿬁 nden sich auf Segment VI (14) und Segment VII (10). Fünf der Abbrüche  󿬁 n-den sich vor Flüssen, sechs  󿬁 nden sich im Küstenbereich und weitere sechs bei Gebirgen, die rest-lichen 45 Beispiele enden ohne erkennbaren Grund.Die beiden eingetragenen Gebirge lassen sich nicht eindeutig ansprechen; das Linke, in wel-chem die Drau entspringt, müssten die Norischen Alpen (Pl. nat. hist. 3, 147) sein, allerdingszeigen ja die Karten nach Ptolemaios, dass die Drau, ebenso wie die anderen zu Pannonia Superi-or zu rechnenden Flüsse mit ihrem Ursprung im  Mons Cetius   eingetragen sind. Der linke Ge-birgszug könnte somit  –  mit Vorbehalt  –  als  Mons Cetius   angesprochen werden.Eine Kopie der Tabula Peutingeriana von einem unbekannten Autor aus Bratislava von1751 19 zeigt die Provinzen eingefärbt. Hier beginnt Pannonien an der Donau bei Comagensium/Comagena, die Grenze verläuft weiter Richtung Gebirgszug und bis Celeia, sowie von hier gera-de nach links bis Longaticovi und schließt Emona und Nauporto für Pannonien ein. Das bedeu-tet, dass keine Rücksicht auf den Schriftzug NORICO genommen, sondern dass alles, waszwischen R und I liegt, bereits zu Pannonien gerechnet wurde. 16   Bei Stückelberger   –  Graßho ff   2006, 247 Anm. 289; 󿬁 ndet sich die Mur als mögliche Übersetzung für Savarias,da die bei Ptol. 2, 15, 2 erwähnte Stadt Carrodunum mitCardono/Gradina an der Drau gleichgesetzt wird und dieMur in der Nähe dieser Stadt in die Drau mündet. 17  <http://www.euratlas.net/cartogra/peutinger/> [Zu-gri ff   12.4.2012]. 18  Segm. II: 2 6 ; Segm. III: 3 6 ; Segm. IV: 3 6 ;Segm. V: 2 6 ; Segm. VI: 14 6 ; Segm. VII: 10 6 ; Segm.VIII: 4 6 ; Segm. IX: 9 6 ; Segm. X: 7 6 ; Segm. XI: 7 6 ;Segm. XII: 1 6 . 19  <http://mapy.mzk.cz/mzk03/001/051/624/2619316317_03/> [Zugri ff   13.4.2012]. 211 Susanne Lamm
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