Protokoll vom 5.6.13

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Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn Institut für Germanistik, Vgl. Literatur-und Kulturwissenschaft und Skandinavistik Sommersemester 2013…
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Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn Institut für Germanistik, Vgl. Literatur-und Kulturwissenschaft und Skandinavistik Sommersemester 2013 „Literatur und Glas“ Prof. Dr. Michael Wetzel Beate Jamann 6.6.2013 Sitzungsprotokoll vom 5.6.2013 1. Walter Benjamin: „Erfahrung und Armut“ In der Sitzung vom 5.6.2013 wurde der Text von Walter Benjamin „Erfahrung und Armut“ erneut aufgenommen und zur Diskussion gestellt. Es wurde dort eingesetzt, wo Benjamin auf die architektonische Bedeutung von Glas eingeht und das Organische in Gegensatz zur Konstruktion stellt. Seine These „Glas ist der Feind des Besitzes“ rief im Seminar mehrere Assoziationen wach, wie, dass hinter Glas nichts angefasst werden kann oder, dass es „Diebe macht“, da es andere auch sehen können. Ebenso wurde mit diesem Zitat auch die experimentelle Chemie in Verbindung gebracht, bei der man auf zwei verschiedene Weisen Lebensprozesse untersuchen kann. Einmal wäre hier der Begriff in vitro(im Glas) zu nennen und zum anderen in vivo(im Leben). Als in vitro werden organische Vorgänge bezeichnet, die außerhalb eines lebenden Organismus stattfinden, im Gegensatz zu solchen, die im lebenden Organismus, also in vivo, ablaufen. In der Naturwissenschaft bezieht sich in vitro auf Experimente, die in einer kontrollierten künstlichen Umgebung außerhalb eines lebenden Organismus durchgeführt werden, wie im Reagenzglas. Benjamin stellt fest, dass die Verarmung darin besteht, dass alles auf das Format reduziert und die Wirklichkeit durch ein Bild ersetzt wird. Ebenso geht er in seinem Text sehr stark auf Scheerbart ein, der von einer Glaskultur spricht, welche den Menschen vollkommen umwandeln wird. Hier setzt Benjamin dann mit seiner Erfahrungsarmut an, die „man nicht so verstehen [muss], als ob die Menschen sich nach neuer Erfahrung sehnten. Nein, sie sehnen sich von Erfahrungen freizukommen, sie sehnen sich nach einer Umwelt, in der sie ihre Armut, die äußere und schließlich auch die innere, so rein und deutlich zur Geltung bringen können, daß etwas Anständiges dabei herauskommt. Sie sind auch 1 nicht immer unwissend oder unerfahren. Oft kann man das Umgekehrte sagen: Sie haben das alles ‚gefressen‘, ‚die Kultur‘ und den ‚Menschen‘ und sie sind übersatt daran geworden und müde.“ Im Kurs wird anhand dieser Aussage festgemacht, dass es in letzter Konsequenz bedeuten würde, dass sich der Mensch selbst abschafft. Diese Diskussion, was nach dem Menschen kommt, welches Zeitalter anbricht, wird auch schon seit längerer Zeit in der Kulturwissenschaft geführt. Hier geht Herr Wetzel auf Donna Haraway ein, eine US-amerikanische Naturwissenschaftshistorikerin und Biologin. 1985 publizierte sie „A Manifesto for Cyborg“, ein postmodernes feministisches Essay, das die möglichen Schnittstellen von Mensch und Maschine beleuchtet. Ebenso stellt Herr Wetzel heraus, dass der Manga/Anime „Ghost in the Shell“ (1989) von Masamune Shirow solch ein Zukunftsszenario aufgreift. Dort sind viele Menschen Cyborgs, die ihren Körper entweder ganz oder teilweise durch künstliche Implantate ersetzt haben. Hier lässt sich auch das Gehirn bis auf wenige Zellen durch ein sogenanntes Cyberbrain ersetzen. Verpackt in einer Biokapsel (der sog. Shell) sind in jedem Cyborg menschliche Gehirnzellen mit seinem Geist (Ghost), der Identität und seiner Persönlichkeit. Der Geist, den jeder Mensch besitzt, ist also digitalisiert und befindet sich in einem künstlich erschaffenen, kybernetischen Körper. Hier kann man auch von künstlicher Intelligenz sprechen. Das Ergebnis das im Seminar herausgestellt wird, ist, dass der Kunstkörper/Cyborg die Konsequenz oder das Produkt der gläsernen Welt darstellt. 2. Johann Wolfgang von Goethe: „Wahlverwandtschaften“ Im weiteren Verlauf des Seminars wird durch ein Referat auf Goethes „Wahlverwandtschaften“ und seine Glassymbolik eingegangen. In seinem Werk, welches er 1809 veröffentlichte, entwickelt Goethe ebenfalls eine Kunstwelt, in der das Glas als Handlungselement eingebracht wird und hinter welchem die Grundidee steht, Menschliches und Anorganisches zu verbinden. Schon der Titel benutzt die Chemie als Gleichnis menschlicher Beziehungen. „Wahlverwandtschaft“ bezeichnet die wechselseitige Anziehung verschiedener Elemente, durch die eine bestehende Verbindung aufgelöst wird und die zugleich als „Wahl“, d.h. als freie Willensentscheidung und als „Verwandtschaft“, d.h. als Naturnotwendigkeit, erscheint. Das Verhältnis von Eduard, Charlotte, dem Hauptmann und Ottilie wird so in Relation mit einem chemischen System gesetzt und ironisiert. Glas kommt in diesem Werk eine wichtige Bedeutung zu. Es bestehen 2 verschiedene Glassymbole für die verschiedenen Figuren, z.B. ein Kelchglas, eine Kette oder ein Glassarg. Das Kelchglas z.B., vereinigt den Tod und die Liebe, also Eros und Thanatos. Im Kurs wurde herausgestellt, dass das Sprichwort „Scherben bringen Glück“ eine wichtige Bedeutung bei dem Symbol des Kelchglases zukommt. Bei dem Fest der Grundsteinlegung des Lusthauses und des gleichzeitigen Geburtstages von Charlotte, wird es von einem Maurer in die Luft geworfen und soll daraufhin auf dem Boden zerbrechen, damit die entstehenden Scherben dem Haus Glück bringen sollen. Es wird allerdings aufgefangen, kann somit nicht zerschellen und verliert damit seine glücksverheißende Symbolkraft. Ebenso steht dahinter das Prinzip von Leben und Tod. Die Grunddefinition des Lebens ist, dass durch die stetige Zellteilung im Organismus das Leben weitergeht , also eine fortwährende Veränderung stattfindet. Das Glas ist allerdings unveränderlich und ist das Symbol der Todesstarre. Das Zerbrechen des Glases bedeutet also die Weiterführung des Lebens, das nicht Zerbrechen den Tod. Das Ergebnis ist somit, dass das Glas das Material darstellt, welches die Umwandlung von Liebe/Leben zu Tod mit sich bringt. 3. Clemens Brentano: „Godwi“ Das zweite Referat dieser Sitzung bezieht sich auf Brentanos „Godwi“ und dessen Glassymbolik. Das Werk besteht aus zwei Bänden, die von 1798 bis 1801 verfasst wurden und folgt der Universalpoetik von Schlegel. Im zweiten Band von „Godwi“ findet eine ironische Brechung sowie eine Illusionszerstörung statt. Die Glassymbole sind hier z.B. Spiegel und ein Glasbecken. In einem Jagdhaus befindet sich der Spiegel, welcher einem Fenster gegenübersteht, durch welches der Wasserfall erscheint. Der Spiegel wird hier zuerst für das Fenster gehalten. Das grüne Glasbecken scheint in der untergehenden Sonne aus sich heraus zu leuchten. Das Glas als unbelebte Materie bekommt so durch die Sonne den Anschein von Leben. Das Motiv der Spiegelung und Reflexion hat eine wichtige Rolle im Werk wie für die Romantik im Allgemeinen. Dem Glas kommt das Medium der Betrachtung zu und fungiert hier als Medium der Verzauberung. 3
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