Kämper-Die_Bedeutung_der_Brüder_Grimm_für_die_deutsche_Sprache-2013 (1).pdf

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146 Die Bedeutung der Brüder Grimm für die deutsche Sprache und Sprachkultur heute D a s s die B rü d e r G rim m in ih re r Z e it H e ra u sra g e n d e s geleistet haben, steht außer Frage. A b e r w elche Bedeutung hat ihr Schaffen heute noch? D ie vielen ve rsch ie d ene n Facetten ihres W ir k e n s bew eisen e in d ru c k s­ voll, dass ein Bild d e r G r im m s als w eltfrem de, ge ge n w artsabge w an d te
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  Die Bedeutung der Brüder Grimm   für die deutsche Spracheund Sprachkultur heute Dass die Brüder Grimm in ihrer Zeit Herausragendes geleistet haben, steht außer Frage. Aber welche Bedeutung hat ihr Schaffen heute noch? Die vielen verschiedenen Facetten ihres Wirkens beweisen eindrucks-voll, dass ein Bild der Grimms als weltfremde, gegenwartsabgewandte Einsiedler ein Stereotyp ist, das auch aus moderner Perspektive keinen Bestand hat. Im Gegenteil  Leben und Werk, Denken und Handeln der Brüder war stets von Offenheit, Kontakt und Grenzüberschreitung gekennzeichnet und war damit wegweisend auch für die Entwicklungen in einer Welt des 21. Jahrhunderts. »(Die Einzigartigkeit undg[o6aCe “Wirkung dieser Sammiung gefit darauf     zurück^ dass die (Brüder Çrimm die deutscke undeuropäiscke (Bezugsweit   üßersckritten und ein universeiies “  Muster vöikgrüßergreifender Märchen-   üßeriieferunggeschaffen haßen.’« Diese Feststellung, die auf der Homepage der UNESCO zu lesen ist, bezieht sich zwar auf die Märchen (die in das UNESCOWeltkulturerbe aufgenommen werden sollen), sie kann aber mit Fug und Recht auch auf die sprachwissen-schaftliche, sprachkulturelle Arbeit der Grimms bezogen werden, zumal auch dieTexte der Märchen selbst ja als Dokument der Sprachkultur anzusehen sind. Die Brüder selbst machten in gewissem Sinn auch gar keinen Unter-schied zwischen Märchen und Wörtern, Rechtsaltertümern und Sagen  zumindest im Hinblick auf ihren Ursprung, nämlich im Volk, betrachteten sie die verschiedenen Gattungen stets im Zusammenhang.Die Brüder Grimm haben mit ihrem Werk einen Beitrag zur deutschen Sprachkultur geleistet, der bis in die Gegenwart reicht. Dieser Beitrag wurzelt in einer Art des Denkens, das beinahe als »globalisiert« zu bezeichnen ist, und besteht in der Art und Weise, wie sie ihre Werke und das in ihnen ver-sammelte und durch sie vermittelte Wissen verstanden. Die Brüder Grimm und ihr sprachkulturelles Werk mit unserer Gegenwart in Beziehung zu set-zen, also nach der Modernität der Traditionalisten zu fragen, bedeutet zum 146 1UNESCO: http://www.unesco.de/mow-hausmaerchen.html 16.1.2013.   Erschienen in: In: Bär, Jochen/Dehrmann, Mark-Georg/Ehrhardt, Holger, Fleischer, Jürg/Kämper, Heidrun/Krome, Sabine/Martus, Steffen/Wolf, Norbert Richard: Die Brüder Grimm. Pioniere deutscher Sprachkultur des 21. Jahrhunderts. Gütersloh, München: Brockhaus, S. 146-155.  147 einen, ihre Werke überhaupt als einen Beitrag zu verstehen, der in dieser Welt einen Wert hat, also ihre Modernität in Bezug auf ihre grammatischen, sprachhistorischen und lexikographischen, ebenso wie auf ihre kulturge-schichtlichen Monumente anzuerkennen. Zum ändern ist die Modernität der Grimms im Hinblick auf ihr Denken und Handeln zu bewerten  die ja die Voraussetzung für ihre Bedeutung in der Gegenwart ist. In dieser Hinsicht besteht der zentrale sprachkultureile Beitrag der Grimms darin, die deutsche Sprache in den europäischen Kontext als hoch entwickelte, eigenständige Nationalsprache eingefügt zu haben, die ihre Entstehung einem komplex wirkenden Prozess von Sprachkontakten verdankt.Dies zeigt sich in vielfältiger Weise auch in den unterschiedlichen Perspek-tiven dieses Bandes. Modernität ist auf Grimmspezifische Weise gleichsam historisch fundiert: Ihr Blick in die Geschichte ist immer auch ein Blick in die Gegenwart  und umgekehrt. Die Kategorie der »modernen Traditionalis-ten« hat so eine Wertigkeit, mit der der Gegenwartsbezug in diesem Rah-men hergestellt werden kann. Es bietet sich an, gleichsam resümierend, und scheint nicht abwegig, diesen Rahmen mit der Idee einer europäischen Integration zu beschreiben. Dieser Idee verpflichtet sind Instanzen des Grimm'schen Denkens und Handelns, auf die sich die Beiträge im vorlie-genden Band ebenfalls bereits aus den verschiedenen Perspektiven heraus bezogen haben: ein freiheitliches Wertefundament und ein emanzipatori sches Menschenbild  immer manifestiert in den sprachwissenschaftlichen Forschungen der Brüder Grimm und in ihren Befunden.Europäische IntegrationEine der zentralen Fragen ist dabei, was es für das heutige Deutsch bedeutet, in Monumenten wie der »Deutschen Grammatik, der »Geschichte der Deut-schen Sprache« und vor allem dem »Deutschen Wörterbuch« erfasst zu sein: Ihr Wert, auch im Hinblick auf die komplexen internationalen Gegebenheiten der Gegenwart, besteht in der Darstellung der deutschen Sprache in ihrer historischen Tiefe, in ihrer formalen Vielfalt, in ihrer semantischen Komplexi-tät  alles dies als Manifestationen deutscher Sprachkultur in einer europäi-schen Dimension.Insofern bedeutet für die Grimms die Erforschung der deutschen Sprache eine Perspektive einzunehmen, die das Gegenteil von national begrenzt war. Denn ohne Frage: Kaum ein auf die Grimms bezogenes Vorurteil ist unbegründeter als das der nationalistischen, weitabgewandten und un  148 erfahrenen Einsiedler. Der, freilich stark ausgeprägte, Patriotismus der Grimms hat sie nicht daran gehindert, in höchstem Maß europäisch und kulturübergreifend zu agieren: zu denken und zu forschen, zu lernen und zu lehren.  « 'Überhaupt werden die 'Wurzein und (Biegungen der europäischen   Sprachen, jeweiter man in ihrßlterthum zurüchdnngen hgnn, sich   untereinander ähniicher, aß wenn man auf ihre spätere ÇestaCt    sieht, zum (Beweß ihres gemeinsamen 'Ursprungs sowohi, aß ihrer   (Besonderheit. .  Jaco6 Çrimm Die Monumente, die sie hinterließen, Grammatik, Sprachgeschichte und Wörterbuch, Märchen, Rechtsaltertümer und Weistümer  um nur die »gro-ßen« Arbeiten zu nennen  präsentieren sie in diesem Sinn als Monumente einer im europäischen Kontext stehenden Sprachkultur. Und obwohl ihnen die politische Richtung des Liberalismus in hohem Maße suspekt war  Denken und Menschenbild der Grimms waren im besten Sinn liberal, was immer auch bedeutet, weltoffen und tolerant zu sein.Wer von den »meisten mitlebenden völker[n] behauptet, so viel gesunden blick vor uns voraus«2 zu haben, dem sind nationalistische Bewertungen  Abwertung des Anderen, Aufwertung des Eigenen  fremd. Wer den skan-dinavischen Sprachen und Kulturen  als germanischvereinheitlichend gedacht hin oder her  zugewandt ist  Wilhelms erste Publikation trägt den Titel >Altdänische Heldenlieder« , besitzt sprachhistorischen Weitblick. Wer nicht nur, aufgrund fundierter humanistischer Bildung auf Latein, Griechisch und Hebräisch zurückgreifen kann, sondern außerdem auf Fran-zösisch und Englisch, Spanisch und Dänisch, und offensichtlich auch  im früheren 19. Jahrhundert Modeerscheinung hin oder her  des Serbischen mächtig ist und mit großer Empathie die Geschichte der serbischen Sprache erzählt, wer sich einer Grammatik der bulgarischen Sprache und russischen Volksmärchen zuwendet, ebenso serbischen und schottischen Volksliedern und den Canti popolari Toscani, wer eine Ausgabe albanesischer, spanischer und serbischer Märchen rezensiert, wer die Idee einer europäischen Volks 2 Grimm, Jacob: Deutsche Grammatik. Erster Uieil. Göttingen 1819, S. IX.  dichtung formuliert  kurz: wer mit dieser perspektivenreichen Ausstattung forscht und denkt, tut dies, bei aller Deutschzentriertheit, in wahrhaft euro-päischen Dimensionen.Einheit in der VielfaltEinen Anspruch als zuverlässige Etymologen, den sie als Lexikographen und Wortforscher natürlich hatten, konnten sie anders auch gar nicht er-füllen als mit der Einbeziehung der indoeuropäischen Sprachen  sie taten es umfänglich, und in der aus dieser etymologischen Vernetzung entste-henden Positionierung der deutschen Sprache im europäischen Verbund liegt der Wert, liegt die Bedeutung ihrer Sprachforschung. Diesen integrieren Briefmarken aus aller Welt bezeugen: »Die >Kinder- und Hausmärchen« der Brüder Grimm (Brüder-Grimm-Gesellschaft e.V.) sind neben der Luther-Bibel das bekannteste und weltweit am meisten verbreitete Buch der deutschen Kulturgeschichte. Sie sind zugleich die erste systematische Zusammenfassung und wissenschaftliche Dokumentation der gesamten europäischen und orientalischen Märchentradition.«33 S. 151 unten
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