Freud y Scheler

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   Revista de Filología Alemana ISSN: 1133-0406   2013, vol. 21 163-182 http://dx.doi.org/10.5209/rev_RFAL.2013.v21.42132   163 Das Unbehagen im Frieden. Freud und Scheler über Krieg und Tod Torben L OHMÜLLER    hdpk Hochschule der populären Künste t.lohmueller@hdpk.de Recibido: 30 de noviembre de 2012 Aceptado: 16 de enero de 2013 ZUSAMMENFASSUNG Knapp 100 Jahre nach Ausbruch des ersten Weltkriegs untersucht dieser Artikel zentrale Positionen in der Bewertung der großen Themen Krieg und Frieden durch Sigmund Freud und andere Vertreter der Psychoanalyse. Während Freud in der Rezeption häufig als Vertreter des Pazifismus wahrgenom-men wird, zeigt der direkte Vergleich mit dem konservativen Philosophen Max Scheler und seiner Lobschrift auf den Genius des Krieges , wie sehr Freud in seinen Bewertungen im Geist seiner Zeit verankert ist. Wenngleich unter grundsätzlich anderen politischen Vorzeichen setzt auch er Tod und die Gewalt des Kriegs als Prüfstein der zivilisiatorischen Dinge. Schlüsselwörter: S. Freud, M. Scheler, Erster Weltkrieg, Tod, Frieden, Psychoanalyse.   Peace and its Discontents. Freud and Scheler on War and Death ABSTRACT Roughly 100 years after the outbreak of World War I this article reviews central positions taken by Freud and other early psychoanalysts with respect to the big subjects of war and peace. While Freud has often been perceived as a pacifist, an immediate comparison with the conservative philosopher Max Scheler and his eulogy to the Genius of War shows to what extend Freud is rooted in the spirit of his time. If even under different political premises, also Freud takes death and the violence of war to be the touchstone of civilization. Keywords:  S. Freud, M. Scheler, World War I, Death, Peace, Psychoanalysis. El malestar en la paz. Freud y Scheler sobre la paz y la guerra RESUMEN Casi cien años después de la Primera Guerra Mundial, este artículo investiga las posiciones centrales tomadas por Freud y otros psicoanalistas respecto a grandes temas como la paz y la guerra. Mientras la recepción de Freud lo percibe a menudo como un pacifista, la comparación directa con el filósofo con-servador Max Scheler y su elogio al Genio de la guerra muestra hasta qué punto Freud estaba anclado en el espíritu de su época. Si bien bajo premisas políticas diferentes, también Freud considera la muerte y la violencia de la guerra como piedra de toque de la civilización. Palabras clave : S. Freud, M. Scheler, Primera Guerra Mundial, muerte, paz, psicoanálisis. INHALTSVERZEICHNIS:  1. Die Psychoanalyse im ersten Weltkrieg. 2. Freud über Krieg und Tod 3. Max Scheler und der Genius des Krieges 4. Zur Frage des Friedens.  Torben Lohmüller Das Unbehagen im Frieden....  Revista de Filología Alemana 2013, vol. 21 163-182 164  Nicht zuletzt dank der größeren allgemeinen Akzeptanz der Psychoanalyse machte Sigmund Freud in seinen letzten Lebensjahren auch als Kulturkritiker von sich reden, wenn er die meist eher unangenehmen Themen der Stunde ansprach. Der Ausbruch des ersten Weltkriegs gab Anlass zu seinen Reflektionen „Zeitgemäßes über Krieg und Tod“ und sein Austausch mit Albert Einstein über die psycholo-gischen Faktoren des Krieges stand im Zeichen der beunruhigenden Zuständen zu Beginn der 1930er Jahre. Beide Texte gelten allgemein als Beweis für Freuds En-gagement für Frieden und die pazifistische Sache, und im Zuge des in den letzten 10 Jahren erneut erwachten Interesses an der Frage von Krieg und Frieden wird Freud als „a remarkably contemporary political thinker and a highly radical one at that“ (Sampson 78) gefeiert. In der Tat scheint eine solche Bewertung gerechtfer-tigt, wenn wir die einleitenden Abschnitte seines 1915 erstmals in  Imago  abge-druckten Essays betrachten. Hier macht Freud keinen Hehl aus seiner Ablehnung der Ereignisse, die auf die österreichische Kriegserklärung gegen Serbien folgten: „Es will uns scheinen, als hätte niemals ein Ereignis so viel kostbares Gemeingut der Menschheit zerstört, so viele der klarsten Intelligenzen verwirrt, so gründlich das Hohe erniedrigt.“ (Freud 2000b: 35). Zur selben Zeit, zu der er diese Zeilen verfass-te, bemerkte er jedoch gegenüber Karl Abraham in einem Brief: „Für den Imago schreibe ich sogar ein zeitgemäßes Gewäsch über Krieg und Tod, um den opferwil-ligen Verleger zu befriedigen. All dies geschieht natürlich mit innerem Widerstre- ben. Mein Herz ist im Hochland, mein Herz ist nicht hier. Nämlich bei den Darda-nellen, wo sich vielleicht das Schicksal Europas entscheidet.“ (Freud/Abraham 1965: 205). Dass öffentliche Aussage und private Haltung hier in einer für Freud eher un-günstigen Weise auseinander lagen, mag bereits der Empfänger dieses Briefs emp-funden haben, als er die Schrift gegen dessen Ärger darüber in Schutz nahm. 1  An-gesichts Freuds späterem Ruf als ‚vergessenem Pazifisten‘ (Fink 471) wäre ein expliziteres und ehrlicheres Bekenntnis zum Frieden zumindest zu erwarten ge-wesen. In seiner Freud-Biographie erinnert sich Ernest Jones in diesem Zusam-menhang: „Freud’s immediate response to the declaration of war was an un-expected one. One would have supposed that a pacifist savant   of fifty-eight would have greeted it with simple horror, as so many did. On the contrary, his first re-sponse was rather one of youthful enthusiasm, apparently a reawakening of the military ardors of his boyhood.“ (Jones 1961: 336) 2  Wie lässt sich eine Brücke schlagen zwischen öffentlichem Bekenntnis zum Frieden und der privat geäußerter Kriegsbegeisterung, ohne Freud der Doppelmo-  __________ 1  „Sie hatten unrecht, als Sie vor einiger Zeit etwas nichtachtend von dieser Arbeit schrieben. Bezüglich der Auffassung der Dinge kann es in diesem Fall ja kaum eine Differenz geben. Darum will ich nur hinzufügen, daß diese Schrift meinem Gefühl sehr symphatisch ist.“ (Freud/Abraham 1965: 210). 2  Während Jones ausführlich aus dem Briefwechsel zwischen Freud und Abraham zitiert, behandelt er Freuds Artikel in  Imago  und seine Kommentare darüber nur sehr am Rande, ein Umstand, der darauf schließen lässt, dass die „Zeitgemäßen Betrachtungen“ in der psychoanalytischen Community als eher unbedeutend engestuft wurden.  Torben Lohmüller Das Unbehagen im Frieden...    Revista de Filología Alemana 2013, vol. 21 163-182 165 ral zu bezichtigen – einem Makel den er nicht müde wurde, seinen Zeitgenossen vorzuhalten? Eine Reihe von Faktoren verkomplizieren die Dinge weiter: Ange-sichts der vorherrschenden öffentlichen Meinung der Jahre 1914 und 1915 wäre seine Unterstützung und die Rechtfertigung der Zentralmächte politisch weitaus korrekter gewesen als die hier geäußerte Ablehnung. Was er anbietet, ist alles andere als opportunistische Propaganda. Nicht zu übersehen ist jedoch auch, dass er in seinem Essay den Krieg nicht einfach ablehnt. Auch ist er in seiner Haltung ambivalenter als jene, die Freud später für die pazifistische Sache zu reklamieren suchten. Diese Ambivalenz spiegelt nicht nur Freuds persönliche Situation wieder, sie lässt sich in der Entwicklung der Psychoanalyse während der Kriegsjahre ins-gesamt und deren größeren Akzeptanz unter Psychiatern und Medizinern in den 1920er Jahren verfolgen und war zumindest teilweise der erfolgreichen Behand-lung von Kriegstraumatisierten durch psychoanalytisch ausgebildete Ärzte ge-schuldet. Während der erste Teil der vorliegenden Untersuchung detaillierter auf diese persönlichen und historischen Hintergründe zu Freuds Schrift eingeht, be-leuchtet der zweite einige unerwartete Parallelen zu einem so expliziten Unterstüt-zer des Kriegs wie Max Scheler, die sich nicht auf den damals verbreiteten ober-flächlichen Enthusiasmus für den Krieg beschränkt.. 1. Die Psychoanalyse im ersten Weltkrieg Als Österreich-Ungarn Serbien am 28. Juli 1914 als Reaktion auf die Ermordung seines Thronfolgers den Krieg erklärte, befand sich Sigmund Freud mit seiner Familie im Sommerurlaub in Karlsbad. Zwei Tage später beorderte Russland seine Truppen zur Unterstützung Serbiens und innerhalb weniger Wochen kämpften die Zentralmächte gegen die Entente-Staaten Frankreich, Großbritannien und Russ-land: Der große Krieg hatte begonnen. Bereits in den Wochen vor dem österreichi-schen Angriff auf Serbien war die Lage äußerst angespannt gewesen, während die Öffentlichkeit mit Begeisterung den heraufziehenden Krieg erwartete. Wie wir bei Jones lesen, wurde auch Freud von diesem Enthusiasmus ergriffen. In einem zwei Tage vor Kriegserklärung an Karl Abraham geschriebenen Brief, erklärt er: Ich fühle mich aber vielleicht zum ersten Mal seit 30 Jahren als Österreicher und möchte es noch einmal mit diesem wenig hoffnungsvollen Reich versuchen. Die Stimmung ist überall eine ausgezeichnete. Das Befreiende der mutigen Tat, der si-chere Rückhalt an Deutschland tut auch viel dazu. – Man beobachtet an allen Leu-ten die echtesten Symptomhandlungen. (Jones 1961: 180). Einige Jahre später, bei der Abfassung seiner Studien zur Gruppenpsychologie, sollte Freud auf diese Erfahrung zurückgreifen, um Phänomene wie Gruppenhys-terie und die libidinösen Bindungen zu reflektieren, die der Identifikation mit einer  Nation zugrunde liegen. Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt und trotz seiner Be-fangenheit angesichts der Ereignisse bewahrt er eine gewissen analytische Distanz,  Torben Lohmüller Das Unbehagen im Frieden....  Revista de Filología Alemana 2013, vol. 21 163-182 166 wenn er das Verhalten seiner Landesgenossen als „symptomatisch“ beschreibt. Lei-der überlässt er es jedoch dem Leser, die Bedeutung dieses Symptoms zu erraten. Auch wenn Freud seinem Vaterland im Prinzip treu bleibt, als der sich ankün-digende Krieg Realität wird, führt seine Liebe zu England zu inneren Konflikten: „Ich wäre vom Herzen gern dabei, wenn ich nicht England auf der unrechten Seite wüßte.“ (zit. n. Jones 1961: 184) Die Psychoanalyse war ihrem Selbstverständnis nach international und kosmopolitisch. Jahre später wies Freud stolz darauf hin, dass die von ihm herausgegebene Zeitschrift die einzige war, die während des Kriegs den Zusatz „international“ beibehalten hatte. Zu diesem Zeitpunkt jedoch spalteten die feindlichen Auseinandersetzungen in Europa auch die internationale  psychoanalytische Gemeinschaft. Während Ferenczi, Rank und Abraham Staats- bürger der Zentralmächte waren und mehr oder weniger erreichbar blieben, gestal-tete sich Freuds Austausch mit Jones in Großbritannien zunehmend schwierig und war am Ende nur durch Mittelsmänner in den Niederlanden möglich. Dennoch lässt das genannte Zitat keinen Zweifel daran, dass Freud überzeugt war, dass sich England auf der falschen Seite des Konflikts befinde, und als Abraham und er darüber nachdachten, ob sie Jones nun als „Feind“ zu betrachten hätten, dürfte dies nur halb im Scherz geschehen sein. Bereits im September desselben Jahres jedoch  – Freud war nach Hamburg gereist, um seinen Enkel zu besuchen, ein „anständi-ger kultivierter Mensch“ (zit. n. Jones 1961: 190) – scheint er seinen ursprüngli-chen Enthusiasmus wenigstens zum Teil verloren zu haben, und er beginnt von seiner Gegenwart als einer „Zeit der entfesselten Bestialität“ (ibid.) zu sprechen. Während er bei der Abfassung seines Essays über Krieg und Tod gegenüber den Ereignissen noch ambivalent war, fällt sein Urteil gegen Ende des Krieges eindeu-tig aus: 1917 schrieb er an Ferenczi: „Bei Altösterreichs Untergang konnte ich nur tiefe Befriedigung empfinden. Leider bin ich auch nicht deutsch-österreichisch oder alldeutsch“ (zit. n. Jones 1961: 353). Man mag diesen Wechsel in der Haltung Freuds zunächst eher der auch vom Volk geteilten Desillusion gegenüber dem Krieg zurechnen als einer tief greifen-den Reflexion, dennoch gab es darüber hinaus noch weitere Faktoren, die Freuds Haltung gegenüber dem Krieg beeinflussten. Angesichts der verfestigten Blöcke wurde die Mobilität in Europa zunehmend schwierig. Reisen waren insgesamt eingeschränkt und natürlich unmöglich, wenn sie die feindlichen Linien kreuzten. Freuds Tochter Anna lebte zu diesem Zeitpunkt in Großbritannien und war so – wenn auch in Sicherheit – vom Rest ihrer Familie abgeschnitten. Während anfangs Reisen nach Deutschland und Zentraleuropa noch möglich waren, machten die Beschränkungen gegen Ende des Krieges Freuds jährlichen Sommerurlaub in Karlsbad und Besuche bei seinem Sohn in Hamburg unmöglich. Schließlich  brachte der Krieg auch noch existentiellere Probleme für ihn und seine Kollegen mit sich. So brachte der drastische Rückgang regelmäßiger Patienten nicht nur deutliche finanzielle Unannehmlichkeiten, auch das Publizieren erwies sich unter Kriegsbedingungen als durchaus schwierig.  Imago  und die  Internationale Zeit-schrift für Psychoanalyse  konnten nur unregelmäßig erscheinen, und auch Freuds Produktivität selbst schien beeinträchtigt. In den ersten Monaten des Krieges hatte
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