Discussion:

 Evolution

 14 views
of 24
All materials on our website are shared by users. If you have any questions about copyright issues, please report us to resolve them. We are always happy to assist you.
Description
1 1 Kulturelle Evolution Gerhard Schurz @ Copyright by Gerhard Schurz 1. Verallgemeinerte Evolutionstheorie Die biologische Evolutionstheorie, die auf Charles…
Share
Transcript
1 1 Kulturelle Evolution Gerhard Schurz @ Copyright by Gerhard Schurz 1. Verallgemeinerte Evolutionstheorie Die biologische Evolutionstheorie, die auf Charles Darwin zurückgeht, war lange Zeit umkämpft und wurde mehrfach fehlinterpretiert. In der 2. Hälfte des 20. Jahr- hunderts, speziell seit der Entdeckung der DNS, ist sie in umfassender Weise bestä- 1 tigt worden. Aber kann man die Evolutionstheorie in gewinnbringender Weise auf die Evolution der menschlichen Kulturgeschichte übertragen? Ich meine, ja, und um diese Frage soll es in meinem Vortrag gehen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, wur- den ja bereits Verallgemeinerungsversuche der Evolutionstheorie unternommen, al- lerdings in sehr fragwürdiger Weise. Lassen Sie mich gleich zu Beginn meines Vor- trages die drei weitverbreitetsten Missverständnisse der Evolutionstheorie anführen: Erstens gibt es in der Evolutionsdynamik keinen Automatismus zur Höherent- wicklung, wie in Herbert Spencer's Sozialdarwinismus, zweitens unterliegt Evolution keinem Gesetz des Überlebens des Stärksten im egoistischen Sinne, sondern fördert auch die Evolution kooperativer Systeme, wie schon Charles Darwin gezeigt hat, und drittens dient biologische Evolution nicht der Art- oder Rassenerhaltung, son- dern, wie Richard Dawkins gezeigt, der Reproduktion der Gene. Aufgrund solcher und anderer ideologischer Mißdeutungen wurde es um die Evo- lutionstheorie in der Mitte des 20. Jahrhunderts eher ruhig; sie war im geisteswissen- schaftlichen Lager verpönt und es teilweise auch heute. Still und leise wurde sie seit den 40er Jahren jedoch zu einer mathematisch formulierbaren Theorie weiterentwi- ckelt. Als dann die umwerfenden Erfolge der Entdeckung des genetischen Codes hin- zukamen war, zumindest in den Naturwissenschaften der Erfolg perfekt. Im Über- 1 Vgl. Futuyama 1979, Sober 1993, Ridley 1993, Maynard-Smith und Szathmáry 1996, Mayr 1982, Dawkins 1998 u.a.m. 2 2 schwang entstand in den 60er Jahren die Disziplin der Soziobiologie, mit Edward O. Wilson als Hauptvertreter, welche die Evolution der menschlichen Kultur biologisch- genetisch zu erklären trachtete, d.h., in den zivilisierten Verhaltensmustern des Men- schen die Überreste instinktgesteuerten Verhaltens. Im geisteswissenschaftlichen La- ger stießen solche biologistischen Reduktionsversuche auf heftigen Widerstand. In der Tat, wenngleich vieles im Menschen angeboren sein mag, so ist ebenso vieles im Menschen allein seiner geistigen und sozialen Erfindungskraft zuzuschreiben, sodaß biologistische Reduktionsversuche der Kulturentwicklung ein sehr verzerrtes Bild ergeben. Die Disziplin, um die es mir im folgenden vielmehr geht, ist stattdessen die soge- nannte verallgemeinerte Evolutionstheorie. Diese ist ein vergleichsweise junges For- schungsprogramm, welches auf Dawkins' (1989, orig. 1976) Konzeption der Meme – als kulturellem Gegenstücke der Gene – zurückgeht und von zahlreichen Autoren 2 weiterentwickelt wurde. Im Gegensatz zur Soziobiologie wird in der verallgemeiner- ten Evolutionstheorie Evolution nicht auf die genetisch-biologische Ebene reduziert bzw. von daher zu erklären versucht. Es wird vielmehr eine eigene Ebene der kultu- rellen (sozialen, technischen) Evolution postuliert. Dabei sei betont, daß ich im folgenden unter "Kultur" immer "Kultur" im weiteren Sinne verstehe, als Gegenbegriff zur Natur: Kultur ist alles Menschengeschaffene, das nicht auf seine genetisch-biologische Konstitution zurückführbar ist; in diesem Verständnis beinhaltet "Kulturgeschichte" auch Sozialgeschichte, politische und Rechtsgeschichte, sowie insbesondere Evolution von Wissenschaft und Technik. Wenn ich dagegen über Kultur im Sinn von Moral und Religion, Kunst und Literatur rede, werde ich von "Kultur im engen Sinne" sprechen. Kulturelle Evolution, im Verständnis der verallgemeinerten Evolutionstheorie, beruht auf der Evolution von Memen, worunter menschliche Ideenkomplexe und Fertigkeiten zu verstehen sind, die durch den Mechanismus der kulturellen Tradition 2 Z.B. Boyd und Richerson 1984, Cavalli-Sforza und Feldman 1981, Millikan 1984, ch.1-2, Den- nett 1997, Diamond 1998, Durham 1990, Blackmore 2000, Becker 2003. 3 3 reproduziert werden. Trotz aller Unterschiede zwischen genetischer und kultureller Evolution läßt sich Evolution auf allen Ebenen abstrakt durch folgende drei gemein- same Module beschreiben: 1. Reproduktion: Evolution Systeme (zB Organismen, Menschen, Informationssys- teme) sind offene (aus der Umgebung ihre Energie bzw. Nahrung beziehende) Sys- teme, die sich in Zyklen von aufeinanderfolgenden Generationen reproduzieren. Da- bei wird nicht alles, aber Wesentliches reproduziert. 2. Variation: Durch verschiedene Prozesse kommt es zu Variationen in diesen evolu- tiven Systemen, und zwar zu Variationen, die mitreproduziert und somit an die nächste Generation weitergegeben werden. 3. Selektion: Der Reproduktionsrate sind durch Ressourcenbegrenzung der Umge- bung obere Grenzen gesetzt. Dadurch kommt es zur Konkurrenz zwischen evolutiven Systemen um Ressourcen innerhalb sogenannter ökologischer Populationen. Auf- grund des resultierenden Selektionsdrucks resultiert, daß sich gewisse Varianten schneller reproduzieren als andere und dadurch die anderen nach und nach verdrän- gen. Die sich schneller reproduzierenden evolutiven Systeme werden auch die fittes- ten genannt. Auf der Ebene der biologischen Evolution ist die Wirkungsweise dieser drei Prinzi- pien ja wohlbekannt: Die evolutiven Systeme sind hier die Organismen (Tiere, Pflan- zen, Einzeller), und die Klassen evolutiver Systeme sind die biologischen Spezies und höhere taxonomische Kategorien wie Familien, Gattungen etc. Jene biologischen Entitäten, die sich direkt voneinander reproduzieren bzw. kopieren, sind nicht die Or- ganismen selbst, sondern die Gene bzw. allgemeiner die Genotypen. Die Organismen mit ihren Merkmalen heißen dagegen Phänotypen. Die biologisch-genetische Evolu- tion ist durch bestimmte Zusatzbedingungen charakterisiert, die nicht auf alle Evolu- tionsarten zutreffen, wie z.B. Gen-Variation durch biologische Mutation und Rekom- 4 4 bination, geschlechtliche Gen-Reproduktion und doppelter Chromosomensatz, usw. Die verallgemeinerte Evolutionstheorie abstrahiert von solchen biologischen Beson- derheiten  sie verlangt eine gedankliche Abstraktionsleistung. Um die Unterschei- dung Genotypen versus Phänotypen zu verallgemeinern, spreche ich von Reprotypen versus Phänotypen. Die Reprotypen sind jene Bestandteile eines evolutiven Systems, die auf einer gegebenen Evolutionsebene an die nächste Generation weitergegeben werden. In der kulturellen Evolution sind dies die Meme, also erworbenen menschli- chen Ideensysteme. Die Phänotypen der kulturellen Evolution sind dagegen die kultu- rellen oder technischen Produkte bzw. Institutionen, die aus solchen Memotypen, Ideen und Fertigkeiten, hervorgehen, und wirtschaftlich oder gesellschaftlich umge- setzt werden. Aber bevor ich näher auf kulturelle Evolution eingehe, lassen Sie mich einige allgemeine Merkmale der Evolutionstheorie herausarbeiten und an vertrauten biologischen Beispielen illustrieren. Das Wirken des Selektionsgesetzes kann durch die auf Haldane u.a. zurückgehen- den Gleichungen der Populationsdynamik mathematisch nachvollzogen (Ridley 1993, 93ff). Angenommen, zu einem Gen einer Antilopenspezies bildet sich durch Mutation eine neue Genvariante, welche einen geringfügigen Selektionsvorteil be- wirkt, etwa durch höhere Fluchtgeschwindigkeit aufgrund längerer Beine. Dann wird – ceteris paribus - unabhängig von den Ausgangshäufigkeiten der Gene und unab- hängig von der Größe des Selektionsvorteils (wenn dieser nur positiv ist), nach einer hinreichend hohen Zahl von Generationen der neue Phänotyp der längerbeinigen An- tilope den alten Phänotyp der kürzerbeinigen Antilope fast völlig verdrängt haben. Deshaln nur fast, weil es auch eine geringe Rückmutationswahrscheinlichkeit, sodaß sich das Populationsgleichgewicht bei einer geringen Restfrequenz von 'abnormalen' kurzbeinigen bzw. andersbeinigen Antilopenvarianten einpendelt. Solche Modell- rechnung konnten an ausgewählten empirischen Beispielen gut bestätigt werden (Ridley 1993, 107f, 95f). Der Bestand von im gegebenen Umweltmilieu nicht-optimalen bzw. ‚abnormalen’ Varianten ist für die Evolution sehr bedeutsam. Damit wird u.a. verhindert, daß eine 5 5 Spezies bei Änderung der Umweltbedingungen nicht rasch genug reagieren kann und ausstirbt. Wenn beispielsweise aufgrund eines Klimawechsels oder aufgrund Überbe- völkerung ganze Antilopenscharen in ein gebirgiges Gelände auswandern, wo keine schnellen Räuber mehr vorhanden sind, aber die kürzeren und stämmigeren Beine das Vorwärtskommen sehr erleichtern, dann wird dort der minimale Restbestand von An- tilopen-Kurzbeinern nach hinreichend vielen Generationen die Langbeiner verdrängt und eine neue Antilopen-Spezies erzeugt haben. Dieses Beispiel zeigt zwei allgemeine Charakteristika evolutiver Systeme. Ers- tens, dass evolutive Systeme durch Normalfallgesetze beschrieben werden: norma- lerweise haben Vertreter der Spezies die und die Merkmale – denn diese Merkmale wurden durch Evolution herausselektiert – aber es gibt immer Ausnahmen. Zweitens, dass Evolution unter gleichen Selektionsbedingungen nicht Vielfalt produziert, son- dern Vielfalt eher eliminiert; statt Vielfalt gibt es nur den besagten Restbestand von Abnormalität neben der Normalität durch (relativ zum Milieu) disfunktionale Mutati- onen. Nur wenn sich Populationen auf unterschiedliche ökologische Nischen, also auf Umgebungen mit unterschiedlichen Selektionsanforderungen aufteilen, und sich da- mit tendenziell separieren, entsteht eine echte Vielfalt  ein sogenannter Polymor- phismus, wie man in der Evolutionstheorie sagt. Auf ein Schlagwort gebracht: Keine Vielfalt ohne partielle Separation. Es gibt Katzen, und Mäuse, Kühe und Pferde, aber keine kontinuierliche Reihe von Zwischenwesen. Dies wird sich für die spätere Über- tragung auf die kulturelle Evolution als bedeutend erweisen. Die Evolutionstheorie macht keine teleologischen Annahmen, wonach Variation und Selektion gemäß einem zielgerichteten Plan zusammenarbeiten. Dass sich die Bewegungsapparatur von Tieren den veränderten Umweltbedingungen anpaßt, sodaß sich die Gliedmassen schwimmender Säugern in Flossen umformen, ist kein Automa- tismus, sondern entwickelt sich nur, wenn das trial-und-error-Spiel der Variationen hinreichend, also Millionen Jahre Zeit besitzt, und auch dann nur mit Wahrschein- lichkeit. Es gibt eine Unmenge selektiv neutraler Mutationen (z.B. selektionsneutrale Aminosäurenevolution, vgl. Ridley 1993, 141ff) oder disfunktionalen Mutationen, 6 6 die schnell wieder aussterben. Evolution bewirkt auch nicht, daß Organismen optimal oder perfekt angepaßt sind, sondern nur, daß die derzeit lebenden Speziesvertreter besser angepaßt sind als ihre Speziesvorgänger, und das nur bei gleichbleibenden Se- lektionskriterien der Umgebung, und nur mit Wahrscheinlichkeit. Ein Beleg dafür ist das Auftreten von nichtfunktionalen Homologien überall in der Evolution, wie etwa der gemeinsame anatomische Bauplan aller Wirbeltiere, weshalb auch die Flossen der Wale oder die und Flügel der Vögel fünf funktionslose ‚Zehenknochenfortsätze’ be- sitzen usw. Das Auftreten solcher nichtfunktionaler Homologien ist eine wesentliche Bestätigungen der evolutionären Abstammungslehre gegenüber dem sogenannten 'Kreationismus'  denn wären die Lebewesen von einem göttlichen Konstrukteur de- signed worden, dann wären solche Nichtfunktionalitäten nicht erklärbar. Es gibt in der Evolutionstheorie auch nichts, was ein Gesetz der „Evolution zum Höheren“ impliziert, nicht einmal eine „Evolution zum Komplexeren“ (vgl. May- nard-Smith und Szathmáry 1996, 3), obwohl letzteres Prinzip unter bestimmten Be- dingungen plausibel ist. Die vor ca. 400 Millionen Jahren beim Überwechseln vom Wasser aus Land einsetzende Entwicklung zu immer komplexeren Vielzellern, Pflan- zen und Wirbeltieren, ist spezifisch äquilibrierten ökologischen Umweltbedingungen zu verdanken und kein Muß. Sollten in der nächsten Milliarde von Jahren sich auf der Erde wieder ‚rauhere’ Bedingungen einpendeln  etwa Temperaturschwankungen von mehreren 100 Graden, was im Vergleich zum Rest des Universums noch immer äußerst gering ist  dann muß es nicht sein aber kann es sein, daß sich letztlich nicht die Menschen, sondern die Insekten oder gar die Prokaryonten, das Meeresplankton, als die langfristig reproduktionserfolgreichsten Kreationen der Evolution erweisen. Obwohl Evolution also kein bestimmtes Ziel der Entwicklung impliziert, ist sie andererseits in ihrem Verlauf nicht tautologisch-beliebig. Was die drei Evolutionsbe- dingungen implizieren, ist dies: evolutionäre Prozesse besitzen immer Richtungen. Diese Richtungen sind Resultat des nachhaltigen Wirkens stabiler selektierender Umgebungsparameter. Diese Richtung impliziert natürlich nicht, daß Evolution linear ist; die ‚Richtungen’ der Evolution äußern sich vielmehr als bevorzugte Äste des gro- 7 7 ßen Verzweigungsbaumes von Abstammungslinien. Nicht alle Spezies konkurrieren ja miteinander, sondern sie sind wie gesagt ökologisch auf Nischen mit unterschiedli- chen Selektionsparametern verteilt. Z.B. fand unter den Vertebraten eine Entwick- lung auf immer komplexere Nervensysteme hin statt, was nicht heißt, daß deswegen die Insekten ausstarben. Evolutionäre Prozesse sind damit quasi-teleologisch: aus ih- rer selektiven Gerichtetheit scheint sich ein Ziel zu ergeben, das angestrebt wird. Die Gerichtetheit, selbst innerhalb einer Abstammungslinie, verdankt sich aber nur der Stabilität der selektierenden Umgebungsparameter über viele Generationen hin- weg. Wenn sich diese stark ändern, wird sich als Folge auch die Richtung der Evolu- tion selbst ändern. Auch dann kann man immer noch von Evolution sprechen - von gerichteten Prozessen mit gelegentlichem Richtungswechsel. Nicht mehr von Evolu- tion sprechen kann man dagegen dort, wo die selektierenden Parameter komplett in- stabil sind, wo ständig Richtungswechsel stattfinden, sodaß sich keine erkennbare Selektion bzw. Entwicklungsrichtung mehr ergibt, sondern nur mehr dnamisches Chaos. Die Änderungsrate der Selektionsparameter der Umgebung muss also im Vergleich zur Variationsrate entweder gering sein, oder aber zumindest regulär- voraussagbar sein  diese ist eine weitere und vierte Grundbedingung für das Zustan- 3 dekommen evolutionärer Prozesse. Das gleichzeitige Zutreffen aller vier Evolutionsbedingungen ist notwendig, damit Evolution im hier verstandenen (‚Darwinschen’) Sinn überhaupt zustande kommt. Fehlt nur eine der Bedingungen, so kommt Evolution nicht zustande. Das gleichzeiti- ge Zutreffen aller vier Evolutionsbedingungen ist im Universum aber eine extrem sel- tene, wenn nicht einzigartige Erscheinung ist; dieses gleichzeitige Zutreffen Ward und Brownlee kommen in ihrem Buch zum "Rare Earth" zum Schluss, dass die 3 An der Formulierung ist die Schwierigkeit dieser Bedingung erkennbar. Man unterscheidet in der Evolution Spezialisten und Generalisten; letztere passen sich an wechselnde Bedingungen an (vgl. Sober 1993, 21). Einfaches Beispiel ist die Anpassung an Jahreszeiten; ein komplexes Beispiele ist das amphibischen Pfeilkraut, dessen Blätter unter Wasser seegrasähnliche, auf dem Wasser seerosenblattähnliche und auf dem Land pfeilförmige Form annimmt (Wilson 1998, 185f). Die wechselnden Bedingungen dürfen aber weder unvoraussagbar sein noch eine zu große Schwankungsbreite umfassen, sonst wird Adaptation unmöglich (vgl. Futuyama 1979). 8 8 Wahrscheinichkeit des Evolution von hörerem Leben im Universum, im Gegenteil zu früheren Annahmen, als sehr gering zu bewerten ist. Wäre unsere Sonne nur ein biß- chen grösser oder kleiner als sie es ist, wäre die Erde in einer etwas anderen Umlauf- bahn, hätte sie etwas weniger Eisen und dafür mehr Wasser, hätte sie kein Magnet- feld und keinen Mond, der ihre Erdachse stabilisiert, usw.usf., dann wäre Evolution höheren Lebens vermutlich gar nicht zustandegekommen. Möglicherweise ist der Mensch die einzige intelligente Spezies im ganzen Universum  umso grösser die Verantwortung, die er trägt. 2. Kulturelle Evolution Zunächst kann man sich fragen, warum wir die Evolutionstheorie auf die Kultur- wicklung überhaupt übertragen sollen; warum brauchen wir sie? Als ein Grund dafür kann genannt werden, daß die mehr oder weniger idealistischen Machbarkeits- paradigmen der Kulturentwicklung, die aus der Aufklärungsphilosophie heraus ent- standen sind und die allesamt Kulturgeschichte unter gewisse globale Pläne subsu- mieren, mehr oder weniger gescheitert sind, also Kulturentwicklung nicht richtig be- schreiben. Betrachten wir drei Beispiele: Beispiel 1: das wissenschaftlich-technische Machbarkeitsparadigma Francis Ba- conscher Provenienz. Die planvolle Verfügbarmachung der Natur durch Wissenschaft und Technik. Aber, kann eine technische Entwicklung rational genannt werden, die sukzessive unsere Umwelt zerstört? Sind technische Erfindungen wirklich zum Woh- le der Menschheit produziert worden, zur Beseitigung von Nöten; oder sind es nicht vielmehr unkontrollierte technische Innovationen, durch anonyme Marktdynamik hervorgebracht, die fortwährend im Menschen neue Bedürfnisse und zugleich neue Gefahren erzeugen? Beispiel 2: das humanistische Aufklärungsparadigma Kantischer, Lockescher oder Rousseauscher Provenienz. Die Emanzipation der Vernunft von Religion und Abso- lutismus. Die planvolle Gestaltung einer guten gerechten Gesellschaftsordnung durch 9 9 Vernunft und Bildung. Aber: Kann eine Gesellschaft vernünftig genannt werden, in der Demokratie nur dort funktioniert, wo sie auf den Reichtum der Länder gegründet ist, während drei Viertel der Weltbevölkerung in Armut lebt? Eine Gesellschaft, die nie ihr Bevölkerungswachstum in Griff kriegt? Die die Ressourcen verpraßt und so- mit auf Kosten aller zukünftigen Generationen lebt? Ist das heutige Massen-TV der Kulminationspunkt des kulturellen Bildungsauftrags? Beispiel 3: die marxistische Geschichtsauffassung, die sich wohl am offen- sichtlichsten selbst widerlegt hat. Wenn sich also menschliche Kulturgeschichte nicht als die Entfaltung globaler rationaler Pläne begreifen lässt, dann fragt sich  wie sonst? Ist die Menschheit statt- dessen dem Wirken anonymer Entwicklungsgesetze ausgeliefert? Muß es so sein, daß wenn die natürliche Bevölkerungskontrolle durch die Fortschritte von Technik und Medizin etc. wegfällt, dann eine Spezies einfach solange weiterwächst, bis alle Vor- räte verbraucht sind, und sie dann zusammenbricht? Die Evolutionstheorie liefert hier eine Alternative: ihr zufolge wird Entwicklung weder durch globale Pläne bestimmt, noch durch anonyme Entwicklungsgesetze, die mit Naurnotwendigkeit ablaufen. Al- les hängt vielmehr von den Selektionsparametern ab, und wenn sich diese ändern, ändert sich die Entwicklung. Es ist freilich fraglich, in welchem Maß die Menschheit ihre eigenen Selektionsparameter bezielt verändern kann. Jedenfalls gibt es Gründe genug für den Versuch, Kulturentwicklung mit den Mit- teln der modernen Evolutionstheorie zu beschreiben. Die Reprotypen der kulturellen Evolution sind, wie gesagt, Meme oder Memotypen, also Ideensystem oder prakti- sche Fertigkeiten. Memotypen werden direkt voneinander reproduziert, durch Imita- tion, Lernen, durch jede Art von Informationsweitergabe in Form von Kommunikati- on. Die wichtigste Form kultureller Reproduktion ist die Weitergabe der ‚Meme’ von einer Generation an die nächste, die kulturelle Tradition  in Form von Erziehung, Ausbildung, usw. Boyd und Richerson (1985, 63ff) sprechen von kulturellen Eltern- Kind-Beziehungen; kulturelle Eltern sind all jene Personen, die dem Kind Kulturgut vermitteln, primär die biologischen Eltern, sekundär Lehrer und Ausbildner, tertiär 10 10 Fernsehen und Medien, usw. Kulturelle Kinder haben also viele Eltern; kulturelle Reproduktion ist sozusagen ‚multi-parental’ und multi-
Related Search
We Need Your Support
Thank you for visiting our website and your interest in our free products and services. We are nonprofit website to share and download documents. To the running of this website, we need your help to support us.

Thanks to everyone for your continued support.

No, Thanks