Christen im Orient, Wort und Antwort 51/4 (2010) [special issue: Christen im Orient. Nicht nur (eine) Geschichte ], 146-150.

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Die orientalischen Christen und ihre Kirchen stehen heute vor großen Herausforderungen. Schlagwörter wie Resignation, Marginalisierung, Verfolgung, Auswanderung oder Diaspora bestimmen seit langem die Debatte um Lage und Zukunft der Christen im Nahen
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  DOMINIKANISCHE ZEITSCHRIFTFÜR GLAUBEN UND GESELLSCHAFT 51. JAHRGANG HEFT 4 OKTOBER—DEZEMBER 2010 Wort und Antwort Christen im Orient. Nicht nur (eine) Geschichte ISSN 0342-6378GRÜNEWALD  Inhalt WORT UND ANTWORT | 51. JAHRGANG HEFT 4 OKTOBER—DEZEMBER 2010 Christen im Orient. Nicht nur (eine)Geschichte Editorial Stichwort: Christen im Orient (Dennis Halft) 6Fouad Twal Leben aus der Hoffnung. Zur Situation der Christen im Lateinischen PatriarchatJerusalem Martin Tamcke Das orientalische Christentum und seine Vielfalt Andreas Jacobs Die rechtliche und politische Situation der ägyptischen Christen 62Alexius Chehadeh Die Griechisch-orthodoxe Kirche von Antiochien und dem Ganzen Orient(Rum-orthodox) 70James Channan „Wir sind Pakistanis, wir sind Christen“ 77Wiedergelesen: Der sogenannte „Umar-Pakt“ (Dennis Halft) 8Dominikanische Gestalt: Serge de Laugier de Beaurecueil OP (1917-2005) (Jean-Jacques Pérennès) 8Bücher (Dennis Halft, Ulrich Engel, Michael Hochschild) 88Eingegangene Bücher 92 Titelbild: © AFP/Getty images, An Iraqi soldier walks in front of a giant Christmasbillboard (20.12.2008) Vorschau: Heft 1 (Januar – März) 2011: Bolivien. Mosaik der Erde        E     D     I     T     O     R     I     A     L Wort und Antwort 51 (2010), 145 Editorial Durch den letzten Irak-Krieg und die jüngeren Entwicklungen im israelisch-arabi-schen Konflikt stehen die Christen im Nahen und Mittleren Osten im Fokus dermedialen Öffentlichkeit. Dabei ist es unerlässlich, den Zusammenhang von Ge-genwart und Geschichte der Christen im Orient differenziert zu betrachten. Es isteben nicht nur eine Geschichte und nicht nur  Geschichte, sondern es begegnet unseine lebendige Vielfalt, die auch heute noch gegenwärtig ist. Aus diesem Anlasswidmet  Wort und Antwort in Zusammenarbeit mit dem Dominikanischen Institut für christlich-islamische Geschichte in Hamburg / Istanbul (DICIG) diesem Thema eine Aus-gabe.Der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Erzbischof Fouad Twal, bietet einen Ein-blick in die aktuelle Situation der Christen in seinem Patriarchat. Martin Tamckebeschreibt die geschichtlichen Hintergründe des orientalischen Christentums.Mit dem Beitrag von Andreas Jacobs wenden wir uns einzelnen Ländern zu. AmBeispiel der ägyptischen Gesellschaft identifiziert er Kontinuitäten und Brüche imZusammenleben von Christen und Muslimen, die nicht (nur) religiös begründetsind. Alexius Chehadeh erläutert die Situation orthodoxer Christen in Syrien.Im Interview mit dem Vize-Provinzial der pakistanischen Dominikaner JamesChannan OP kommt eine Stimme aus der Region zu Wort, die aus persönlicherSicht die Lage der Christen in einer muslimischen Mehrheitsgesellschaft be-schreibt, die sonst wenig Beachtung findet. Aus gegebenem Anlass berichtet derPakistani auch über die Folgen der jüngsten Flutkatastrophe in seiner Heimat. MitSerge de Laugier de Beaurecueil OP stellt Jean-Jacques Pérennès OP einen Domini-kaner und Orientforscher vor, der lange Zeit als einziger katholischer Priester inAfghanistan lebte und sich auch für Waisen in Kabul engagierte.Als Titelbild dieser Ausgabe haben wir eine Fotoaufnahme aus dem Jahr 2008 ge-wählt, die einen irakischen Soldaten zeigt, der an einer Plakatwand zum Weih-nachtsfest vorübergeht, die das irakische Innenministerium in Bagdad aufgestellthat. Darauf sind folgende arabische Verse zu lesen, die der Koran Jesus zuschreibt:„‚Und Friede über mir am Tag, da ich geboren wurde, am Tag, an dem ich sterbenwerde, und an dem Tag, da ich zum Leben auferweckt werde.‘ Das ist Jesus, MariasSohn (…)“ (Sure 19:33–34, nach einer Übertragung von H. Bobzin).Auch in überwiegend islamisch geprägten Ländern des Nahen und Mittleren Os-tens bleibt das orientalische Christentum ein sichtbarer Teil der Gesellschaft. Dennis Halft OP / Richard Nennstiel OP  6      S     T     I     C     H     W     O     R     T Wort und Antwort 51 (2010), 146–150 Stichwort Christen im Orient Die orientalischen Christen und ihre Kirchen stehen heute vor großen Herausfor-derungen. Schlagwörter wie Resignation, Marginalisierung, Verfolgung, Aus-wanderung oder Diaspora bestimmen seit langem die Debatte um Lage und Zu-kunft der Christen im Nahen und Mittleren Osten. 1 Dabei zeichnen sich dieorientalischen Kirchen durch eine beeindruckende (den interessierten Laien bis-weilen auch verwirrende) Vielfalt aus. Allein dem 1974 gegründeten  Middle EastCouncil of Churches (MECC), dem wichtigsten ökumenischen Zusammenschluss inder Region, gehören 27 Kirchen an. 2 Diese gliedern sich in verschiedene Kirchen-gruppen, die der orientalisch-orthodoxen (u.a. syrisch- und koptisch-orthodoxeKirche), der östlich-orthodoxen (v.a. verschiedene griechisch-orthodoxe Patriar-chate), der katholischen (mit Rom unierte Teilkirchen wie die maronitische, grie-chisch-melkitische und chaldäische mit eigener Liturgie und Spiritualität) undder evangelischen Kirchen. 3 Ihre Entstehung geht häufig auf Schismen und Ab-spaltungen auf frühchristlichen Konzilien, Unionsbemühungen der RömischenKirche oder die protestantische Mission zurück. Die Vielfalt des orientalischenChristentums ist einzigartig.Abgesehen von Schätzungen existieren keine zuverlässigen Angaben zur Größe derKirchen im Nahen und Mittleren Osten, da jede Zahl politischen Sprengstoff birgt(laut MECC liegt die Gesamtzahl der Gläubigen bei etwa 12–14 Mio.). Vielerorts dro-hen Größe und Einfluss von Religions- und Konfessionsgemeinschaften zum Ar-gument für bzw. gegen politische Ansprüche auf Teilhabe an Staat und Gesell-schaft zu werden. Im Libanon etwa, der wegen seines – trotz Emigration undvergleichsweise niedriger Geburtenrate immer noch – hohen christlichen Bevölke-rungsanteils eine Sonderrolle einnimmt, hat deshalb seit 1932 keine Volkszählungmehr stattgefunden. Jedes Erfassen veränderter demografischer Verhältnissekönnte das fragile politisch-konfessionelle System und damit die politische Stel-lung der eigenen Religions- und Solidargemeinschaft gefährden. Bereits der liba-nesische Bürgerkrieg (1975–1990) entzündete sich an der Frage nach den Machtver-hältnissen zwischen Christen und Muslimen, die heute noch durch einen – unterdemokratischen Gesichtspunkten durchaus fragwürdigen – Proporz zu gleichenTeilen an der Macht im Staat beteiligt sind. 4 Demografie im Nahen Osten ist einPolitikum. Im „Haus des Islam“ Orientalische Christen leben heute in mehrheitlich muslimisch geprägten Län-dern. Häufig werden sie als ein „Archipel“ auf islamischem Boden wahrgenom-  7      S     T     I     C     H     W     O     R     T men, das vom Untergang bedroht sei. Tragische Ereignisse wie die Ermordung ei-ner Gruppe koptischer Christen (und eines muslimischen Wachmanns) nach demBesuch der orthodoxen Christmette am 6. Januar 2010 in der ägyptischen StadtNag Hammadi wecken bei orientalischen Christen immer wieder schlimmste Be-fürchtungen. 5 Wenn es um das Verhältnis von Muslimen zu Nicht-Muslimen geht,sind häufig verzerrte Ansichten zu hören wie die These von einer immanenten Ge-waltneigung des Islam oder die von einer genuin friedlichen Religion. Doch trotzsolcher schockierender Nachrichten ist zu bedenken, dass nicht «der» Islam (den esals solchen gar nicht gibt) für Intoleranz und Gewalt verantwortlich ist, sonderndass es stets Menschen sind, die ihren Glauben radikal und fundamentalistischauslegen. 6 Die hermeneutische Frage nach dem Verständnis religiöser Texte (undihrem „Gewaltpotential“), die unter ganz anderen historischen Bedingungen ent-standen sind, als wir sie heute gemeinhin lesen, stellt sich nicht nur für den Is-lam, sondern für jede Religion immer wieder. 7 Nach dem Tod ihres Religionsstifters Mohammed 632 n. Chr. dehnten die Muslimeihre Herrschaft durch rasante Eroberungszüge in nur wenigen Jahrzehnten vonder Arabischen Halbinsel auf u.a. christlich geprägte Territorien des Byzantini-schen und Sassanidischen Reiches bis Nordafrika und Zentralasien aus. Nun be-gannen muslimische Herrscher auch die Wiege des Christentums mit ihren bibli-schen Stätten zunächst militärisch, dann politisch, gesellschaftlich und religiöszu dominieren. Im „Haus des Islam“ ( Dar al-Islam ), wie die islamische Rechtswis-senschaft traditionell das Gebiet nennt, in dem das Recht des Islam gilt, blickendie orientalischen Christen auf eine wechselvolle Geschichte des Zusammenle-bens zurück. 8 Neben Zeiten gewaltsamer Auseinandersetzung und Diskriminie-rung traten aber auch solche friedlicher Koexistenz zwischen Christen und Musli-men (sowie Juden), die erst zur Blüte der arabisch-islamischen Kultur führten. Bisheute haben jedoch „die beträchtlichen kulturellen und geistigen Errungenschaf-ten der Christen, die mehr als ein Jahrtausend wesentlicher Bestandteil der Gesell-schaften arabischsprachiger Muslime im Nahen Osten gewesen sind“, weder inder öffentlichen Meinung noch in der Forschung gebührende Beachtung gefun-den. 9 Ohne diese Symbiose wäre der Orient nicht das, was er ist: ein wahres Schatz-haus für die Kulturgeschichte der Menschheit. „Schriftbesitzer“ und Schutzbefohlene Die Offenbarungsschrift der Muslime, der Koran, der zwischen 610 und 632 n. Chr.auf Mohammed „herabgesandt“ worden sein soll, gibt keine eindeutigen Hin-weise auf das Verhältnis zwischen Muslimen und Christen. 10 Einerseits werdenChristen (wie Juden) als monotheistische „Schriftbesitzer“ ( ahl al-kitab ) gewürdigt,andererseits bezeichnet der Koran sie als „Ungläubige“ ( kuffar  ), denen eine geson-derte Abgabe – meist als „Kopfsteuer“ (  jizya ) gedeutet – auferlegt wird (Sure 9:29).Im Gegenzug sollten Christen, die dauerhaft auf muslimisch beherrschtem Gebietleben, vertraglich zugesicherten „Schutz“ ( dhimma ) erhalten, der die Integritätder Person und des Besitzes einschloss. 11 Als sog. „Schutzbefohlenen“ ( dhimma ) war
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