Ausstellung rote-kapelle 2006.pdf

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01 Rote Kapelle Berliner Widerstandskreise Nach 1933 entstanden um den Angestellten im Luftfahrtministerium Harro Schulze-Boysen und den späteren Oberregierungsrat im Wirtschaftsministerium Dr. Dr. Arvid Harnack Freundes-, Diskussions- und Schulungskreise. Durch persönliche Kontakte bildete sich 1940/41 ein loses Netzwerk von sieben Berliner Widerstandskreisen heraus. Ihnen gehörten mehr als 150 Regimegegner und -gegnerinnen unterschiedlich
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  01Berliner Widerstandskreise Nach 1933 entstanden um den Angestellten im Luftfahrtministerium Harro Schulze-Boysen und den späteren Oberregierungsrat im Wirtschaftsministerium Dr. Dr. Arvid Harnack Freundes-, Diskussions- und Schulungskreise.Durch persönliche Kontakte bildete sich 1940/41 ein loses Netzwerk von sieben Berliner Widerstandskreisen heraus. Ihnen gehörten mehr als 150 Regimegegner und -gegnerinnen unterschiedlicher sozialer Herkunft und weltanschaulicher Auffassungen an: Arbeiter, Angestellte, Intellektuelle, Künstler, Ärzte, Unternehmer, Soldaten und Ofziere, Marxisten, Christen, Kommunisten und Sozialdemokraten. Sie diskutierten über politische und künstlerische Fragen, halfen Verfolgten, dokumentierten NS-Gewaltverbrechen und riefen in Flugschriften zum Widerstand auf. Ihre Kontakte reichten zu weiteren Widerstandsgruppen in Berlin, Hamburg und Mecklenburg, zu Zwangsarbeitern und zu Vertretern der amerikanischen und sowjetischen Botschaft in Berlin.„Rote Kapelle“ war der Fahndungsname der Gestapo für ein sowjetisches Spionagenetz in Westeuropa, dem sie die Berliner Widerstandskreise zuordnete. Rote Kapelle  links Schreiben des Reichssicherheitshauptamtes an das Auswärtige Amt über die Verbreitung der Flugschrift „Die Sorge um Deutschlands Zukunft geht durch das Volk“ vom 15. bis 18. Februar 1942 in Berlin, Bundesarchiv Berlin Mitte von oben Flugschrift „Die Sorge um Deutschlands Zukunft geht durch das Volk“, Februar 1942, Bundesarchiv Berlin Harro Schulze-Boysen, John Rittmeister, Heinz Strelow und Cato Bontjes van Beek verfassten die sechsseitige Flugschrift. Darin widerlegten sie die Propaganda vom „Endsieg“ und riefen zu passivem und aktivem Widerstand auf. John Graudenz, Maria Terwiel, Helmut Himpel und Helmut Roloff übernahmen Mitte Februar 1942 Herstellung und Postversand von Hunderten Flugschriften an Wehrbezirkskommandos, Mitarbeiter in Staat, Wirtschaft und Wissenschaft, Rechtsanwälte, Auslandsjournalisten und Geistliche beider Konfessionen. 260 Exemplare wurden bis Mitte Mai 1942 bei der Polizei abgegeben. Der Gestapo gelang es nicht, die Verfasser zu ermitteln. Cato Bontjes van Beek (1921-1943, Keramikerin) und Heinz Strelow (1915-1943, Unterofzier), Berlin 1942, Gedenkstätte Deutscher Widerstand rechts von oben Walter Husemann (1909-1943, Kommunist, Journalist, nach seiner Entlassung aus dem KZ Buchenwald Werkzeugmacher), um 1933, Gedenkstätte Deutscher Widerstand Adolf Grimme (1889-1963, Religiöser Sozialist, von 1930 bis 1932 Preußischer Kultusminister),1929, Gedenkstätte Deutscher Widerstand Maria Terwiel (1910-1943, Sekretärin, durfte als „Halbjüdin“ ihr Jurastudium nicht beenden), um 1935, Gedenkstätte Deutscher Widerstand Champagne, März 1916, Erwin Gehrts (1890-1943, Journalist, seit 1935 im Luftfahrtministerium, Oberst der Luftwaffe, konservativer Hitler-Gegner), rechts, Privatbesitz Barbara Gehrts  02Harro Schulze-Boysen.Der Freundeskreis Ende April 1933 wurde der Herausgeber der gesellschaftskritischen Zeitschrift „gegner“ verhaftet, misshandelt und nur dank der Fürsprache seiner Mutter entlassen. Nach einer Fliegerausbildung gelang es ihm 1934, im Luftfahrtministerium angestellt zu werden.Harro Schulze-Boysen war Mittelpunkt einer Gruppe regimekritischer Freunde, dem u.a. seine Frau Libertas, Kurt Schumacher und dessen Frau Elisabeth, Elfriede Paul, Walter Küchenmeister und Günther Weisenborn angehörten. Harro Schulze-Boysen initiierte und beteiligte sich an Aktionen gegen das NS-Regime, gewann immer neue Mitstreiter und hatte Kontakte zu weltanschaulich unterschiedlich orientierten Hitler-Gegnern.Harnack und Schulze-Boysen, die seit Ende 1940 zusammen arbeiteten, betrachteten die Sowjetunion als Verbündete bei der Überwindung des NS-Regimes und warnten die sowjetische Botschaft vor dem militärischen Angriff auf die Sowjetunion. Ihr Kontakt nach Moskau sollte in der Kriegszeit über Funkgeräte aufrecht erhalten werden, was wegen technischer Probleme nicht gelang. Ende Oktober 1941 empng Schulze-Boysen einen Kurier des sowjetischen Nachrichtendienstes. Rote Kapelle  links Harro Schulze-Boysen, um 1941, Gedenkstätte Deutscher Widerstand Mitte von oben Auszug aus einem Brief von Harro Schulze-Boysen an seine Eltern vom 9. Mai 1942 Anatolij Gurevitch, Moskau 1938, Gedenkstätte Deutscher Widerstand Gurevitch, alias Kent, alias Vincente Sierra, übermittelte im November 1942 den Inhalt des Gespräches mit Schulze-Boysen nach Moskau: Bestand und monatliche Neuzuführung von Flugzeugen, knappe deutsche Treibstoffvorräte, große Verluste der Luftlandetruppen bei der Einnahme von Kreta, die voraussichtliche deutsche Offensive in Richtung der Erdölgebiete um Maikop und die Lage der Hauptquartiere von Hitler und Göring. Für diese Informationen erhielt Gurevitch den Dank Stalins. rechts von oben Am Grimnitzsee in der Schorfheide 1938, von links: Kurt Schumacher (1905-1942, Bildhauer), Elfriede Paul (1900-1981, Ärztin), Harro Schulze-Boysen, Gedenkstätte Deutscher Widerstand Horst Heilmann (1921-1942, Student, arbeitete in der Dechiffrierabteilung des Oberkommandos der Wehrmacht, NSDAP-Mitglied), um 1941, Gedenkstätte Deutscher Widerstand John Graudenz (1884-1942, Journalist, Handelsvertreter) mit seinen Töchtern Sylvia und Karin (rechts), 1933, Privatbesitz Karin Reetz Fritz Thiel (1916-1943, Feinmechaniker), undatiert, Gedenkstätte Deutscher Widerstand Harro Schulze-Boysen: Brief an seine Eltern vom 9. Mai 1942 Ich bin froh darüber, von mir selbst sagen zu können, dass ich im letzten Jahr mehr als einen Freund gewonnen habe: Da ist J [Jonny Graudenz], alter Journalist, sicher schon über 40, mit einer rührend gastfreundl. Frau und zwei lustigen Backschtöchtern. Er ist heute Kaufmann und hat eine nette kl. Villa draussen in Stahnsdorf, also in der Wannseegegend. Morgen, zum Sonntag, werden wir hinausfahren und in dem gr. Garten in der Sonne liegen. Und dann kommt sicher auch R [John Rittmeister] hin, etwas älter als ich, ein bekannter Psychiater, der eigentl. gerade nach Zürich fahren wollte, aber die Reisegenehmigung noch nicht hat. Er wohnt ganz in unserer Nähe. [...] Dann ist F [Fritz Thiel] da, den wir durch R kennen lernten. Junger 23-jähriger Arbeiter bei Zeiss, der abends sein Abitur machte und nebenher Volkswirtschaft studiert. Als wir ihn neulich besuchten, hat Libs ihm den Kopf gewaschen, weil er, an Hand seiner elektrotechn. Begabung, eine solche Vielfalt an Beleuchtungsrafnessen usw. in seiner Bude hatte, dass man Gefahren witterte. Immerhin, er arbeitet unermüdlich an sich selber, und Alle helfen ihm, weil er so begabt ist. Dann ist da der 19-jährige Horst Heilmann, vor 1 1/4 Jahren mein bester Hörer im Aussenpolit. Seminar der Universität. Er ist sehr ruhig und wirkt auf den ersten Blick fast etwas schüchtern, aber er hat etwas bezwingend Klares und Konzentriertes. Er sieht in mir zwar so etwas wie seinen ”Professor”, aber er wird mich bald überügelt haben. Wir machen eine grosse aussenpolitische Arbeit zusammen. Wir ergänzen uns so gut, dass wir am liebsten immer zusammen arbeiten würden. Er ist als Funker beim OKH eingezogen und hört Funksprüche ab usw., aber jede freie Minute schafft er was. Und dann haben wir einen Zahnarzt [Helmut Himpel] mit seiner Freundin [Marie Terwiel], die Libs in vielem so ähnlich ist [...] Und die alten Freunde sind auch noch da. Walter [Küchenmeister], und die Aerztin E [Elfriede Paul], deren Praxis, im Zeichen des Krieges, immer mehr anwächst. [...] Kurt Schumacher, der Bildhauer, behütet Gefangene in Posen. Zuerst war er ziemlich unglücklich, aber wir haben ihm diese oder jene Bekanntschaft in Posen vermitteln können, und nun kommt er besser über die Zeit dort hinweg.Weisenborn ist auch noch da und ein grosser Mann beim Rundfunk. Seine Ehe mit unserer kl. Untermieterin von früher, genannt ”Schnäbelchen”, weil sie den Nachnamen Schnabel hatte, geht grossartig, offenbar hat er keinerlei Heimweh zurück zu seinem in zahlr. abenteuerlichen Romanen beschriebenen Junggesellenleben.Na, das ist nur eine unvollständige  Aufzählung von Freundschaften. Allmonatlich entstehen neue, und wenn man sich auch längst nicht so oft sehen kann wie im Frieden, so hält man doch zusammen ... [...] Funkspruch aus Moskau an „Kent“ in Brüssel vom 26. August 1941: Suchen Sie in Berlin Adam Kuckhoff [...] auf und erklären Sie, dass Sie von einem Freund „Arvids“ und „Harros“ geschickt werden, den Arvid als Alexander Erdberg kennt. [...] Klären Sie über Kuckhoff: Wann wird die Funkverbindung aufgenommen und warum funktioniert sie nicht? [...] Falls Kuckhoff nicht anzutreffen ist, wenden Sie sich an Libertas, die Frau von „Harro“ Schulze-Boysen, Adresse: Altenburger Allee 19, Tel. 99-58-47.  03Arvid Harnack. Diskussions- und Schulungskreis Ein Stipendium ermöglichte dem Juristen von 1926 bis 1928 ein Studium in Madison/Wisconsin. Dort lernte er seine spätere Frau Mildred kennen. 1931 promovierte Arvid Harnack in Gießen über die vormarxistische Arbeiterbewegung in den USA. Mit einer Delegation der von ihm mitbegründeten Gesellschaft zum Studium der sowjetrussischen Planwirtschaft (ARPLAN) reiste er im Sommer 1932 in die Sowjetunion.Nach 1933 erörterte Harnack in Schulungskursen wirtschaftliche und politische Zusammenhänge, um den Teilnehmern eine kritische Distanz zum NS-Regime zu vermitteln. Daran beteiligten sich u.a. Karl Behrens, Adam und Greta Kuckhoff, Adolf Grimme und Leo Skrzypczynski. Seit 1935 war Harnack im Wirtschaftsministerium tätig, ab 1942 als Oberregierungsrat. Er informierte die sowjetische und amerikanische Botschaft über Interna seines Arbeitsbereiches und chiffrierte nach dem 22. Juni 1941 kriegswichtige Informationen, die Hans Coppi nach Moskau funken sollte. Die von Harnack verfasste und von Wilhelm Guddorf überarbeitete Denkschrift „Das nationalsozialistische Stadium des Monopolkapitalismus“ wurde in Berliner Widerstandskreisen verbreitet.  links Von links: Mildred Harnack (1902-1943 Literaturwissenschaftlerin), Arvid Harnack (1901-1942) und Martha Dodd, Tochter des amerikanischen Botschafters, um 1935, Gedenkstätte Deutscher Widerstand Mitte von oben „Das nationalsozialistische Stadium des Monopolkapitalismus“, Bundesarchiv Berlin Ernennungsurkunde zum Oberregierungsrat, 1942, Gedenkstätte Deutscher Widerstand ARPLAN-Studienreise, im Nationalökonomischen Forschungsinstitut Charkow, sitzend: Arvid Harnack 2. von rechts, Friedrich Lenz 4. von rechts, August 1932, Gedenkstätte Deutscher Widerstand rechts von oben Dahlem Sommer 1941, von rechts: Karl Behrens, (1909-1943, Techniker), Leo Skrzypczynski (1906-1971, Unternehmer) und seine Frau Erika, Gedenkstätte Deutscher Widerstand Arvid Harnack, Exzerpt aus dem “Kapital” von Karl Marx, Gedenkstätte Deutscher Widerstand Adolf Grimme und seine Frau Maria auf dem Weg zum Presseball, 1931, Gedenkstätte Deutscher Widerstand Am Schlachtensee, Greta Kuckhoff (1902-1981, Volkswirtin, Übersetzerin) und Adam Kuckhoff (1887-1943, Schriftsteller), um 1937, Gedenkstätte Deutscher Widerstand Rote Kapelle  04Hans Coppi.Scharfenberger Freundeskreis Hans Coppi besuchte bis 1932 die reformpädagogische Schulfarm auf der Insel Scharfenberg im Tegeler See. 1931 schloss er sich dem Kommunistischen Jugendverband an. Wegen Verteilens von Flugblättern wurde er Anfang 1934 verhaftet, kurze Zeit im KZ Oranienburg inhaftiert und zu einem Jahr Jugendgefängnis verurteilt. Danach war er wieder im Scharfenberger Freundes- und Widerstandskreis aktiv, dem u.a. Heinrich Scheel, Hermann Natterodt, Hans und Ina Lautenschläger angehörten. Coppi arbeitete als Dreher in einer Maschinenbaufabrik. Ein Freund führte ihn 1939 in die Widerstandsgruppe um Wilhelm Schürmann-Horster ein. Harro Schulze-Boysen gewann Coppi im Juni 1941, eine Funkverbindung in die Sowjetunion aufzubauen. Der Sendebetrieb kam wegen fehlender Vorkenntnisse und technischer Probleme nicht zustande. Coppi beteiligte sich an Flugblatt- und Zettelklebeaktionen und kümmerte sich im August 1942 um den aus Moskau eingetroffenen Fallschirmagenten Albert Hößler. Mit ihm gelang es, aus der Wohnung von Erika von Brockdorff einen Funkspruch nach Moskau zu senden. Rote Kapelle  links Hans Coppi (1916-1942), um 1941, Gedenkstätte Deutscher Widerstand Mitte von oben Albert Hößler (1910-1943, Gärtner, Teilnahme am spanischen Bürgerkrieg, 1939 Emigration in die Sowjetunion) vor dem Einsatz als Fallschirmspringer, Anfang August 1942, Gedenkstätte Deutscher Widerstand Funkspruch von von Albert Hößler an den sowjetischen Auslandsnachrichtendienst in Moskau, 1942 Auf dem Tegeler See vor der Insel Scharfenberg, Winter 1930, Hans Coppi (2. von rechts), Hermann Natterodt (6. von rechts), Hans Lautenschläger (10. von rechts), Heinrich Scheel (3. von links), Gedenkstätte Deutscher Widerstand rechts von oben Jüterbog Anfang 1942, Ina Lautenschläger (1917 geboren, Schneiderin) und Hans Lautenschläger (1916-2004, Angestellter, Unterofzier), Gedenkstätte Deutscher Widerstand Heinrich Scheel (1915-1996, Historiker, Luftwaffenofzier), Wetterdienstinspektor in der Wetterwarte Märkisch-Friedland, um 1941, Gedenkstätte Deutscher Widerstand Hermann Natterodt (1916-2005, Mechaniker) mit seiner Mutter, um 1936, Gedenkstätte Deutscher Widerstand Erika von Brockdorff (1911-1943, Angestellte) mit ihrer Tochter Saskia, März 1942, Privatbesitz Saskia von Brockdorff Funkspruch von Albert Hößler an den sowjetischen Auslandsnachrichtendienst in Moskau, Ende August/Anfang September 1942: Gut angekommen. Habe „Tenor“ [Kurt Schumacher] getroffen und mit „Harro“ [Schulze-Boysen] gesprochen. Alles steht günstig. Die antifaschistische Gruppe ist beträchtlich angewachsen und arbeitet aktiv. Das Funkgerät funktioniert, aber aus unerklärlichen Gründen kommt trotzdem keine Verbindung zustande. Nach Erhalt des Signals über den Empfang des Funkspruchs werde ich zusätzlich eine Information von „Korsikanez“ [Arvid Harnack] und „Starschina“ [Harro Schulze-Boysen] absetzen. Gegenwärtig ist meine Unterbringung gesichert.
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